Anne­ma­rie Kury: Un­bürokra­tische Hilfe für Not­leidende

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Seit 1991 bringt Anne­ma­rie Kury persön­lich Hilfs­gü­ter nach Bosnien. Die über 80-jährige Wiene­rin zeigt, wie viel ein Einzel­ner bewe­gen kann.

Natur­ka­ta­stro­phen und Kriege fordern jedes Jahr tausende Todes­opfer. Während einige dieser Tragö­dien unbe­achtet und uner­wähnt blei­ben, lösen andere welt­weites Medi­en­echo, Mit­gefühl und entspre­chende Hilfs- und Spen­den­bereit­schaft aus. Doch auch hier gera­ten Über­le­bende meist rasch in Verges­sen­heit, da neue Kata­strophen eine schnelle, dring­li­chere Hilfe erfor­dern.

Wer denkt heute noch an die Erd­beben­opfer von Haiti? An die Über­lebenden des Tsuna­mis, der 2004 mehr als 230.000 Men­schen in acht asia­ti­schen Ländern das Leben kostete? Oder an die Zivil­bevölkerung in ehe­ma­ligen Kriegs­gebieten, die mit Arbeits­lo­sig­keit, zerstör­ten Infra­strukturen und Mangel in allen Lebens­bereichen kämpft?

Bosnien: Leid und Not, auch fünf­zehn Jahre nach Kriegs­ende

Auch in Bosnien leben rund fünf­zehn Jahre nach dem offi­ziellen Kriegs­ende viele Men­schen in bitte­rer Armut. Die Arbeits­lo­sig­keit ist enorm; zahl­rei­chen Menschen fehlt es am Nötigs­ten: Lebens­mit­tel, Medi­ka­mente, Wohn­raum, Geld und Hoff­nung. Diese Not zu lindern, ist das Anlie­gen von Anne­ma­rie Kury. Seit dem Kriegs­aus­bruch 1991 be­treibt sie eine private Hilfs­i­n­i­ta­tive, sammelt Geld und Sach­spen­den und bringt diese per­sön­lich zu den Betrof­fe­nen. Weit mehr als eine halbe Million Euro sind dabei in den letz­ten Jahren zusam­men­ge­kom­men.

Auch lange nach Kriegs­ende sind manche Gebiete in Bosnien noch vermint.

Als ich damals die Bilder im Fern­se­hen sah, erin­ner­ten sie mich stark an meine ei­ge­ne Vertrei­bung aus Böhmen im Jahr 1946“, erzählt die Wiene­rin. „Bei einer Fern­seh­sen­dung ärgerte ich mich über das gegen­sei­tige Zuschie­ben der Pflich­ten und Auf­ga­ben zwischen EU, Rotem Kreuz, Cari­tas und den Staa­ten. Mir kam aber auch der Ge­dan­ke: Was mache ich?“

Mit dem Privat­auto und selbst erteil­tem Auftrag durch Stra­ßen­sper­ren

Nicht viel, musste sie ehrlich zuge­ben. Doch Anne­ma­rie Kury über­legte nicht lange. Bei der Leite­rin der Cari­tas in Zagreb erkun­digte sie sich, was die Menschen in den Kri­sen­gebieten am drin­gens­ten brauch­ten. „Essen, Essen, Essen“, so die Antwort. An­ne­marie Kury packte ihr Auto mit Lebens­mit­teln voll, zog ihre alte Kranken­schwes­tern­tracht an und schrieb sich selbst eine Bestä­ti­gung, dass sie beauf­tragt sei, le­bens­wichti­ge Güter ins Krisen­ge­biet zu brin­gen.

Mit diesem „Passier­schein“ setzte sie sich ans Steuer und fuhr nach Zagreb. Er­schüt­tert von der Situa­tion dort und unge­ach­tet der schlech­ten Stra­ßen, der Grenz­schwie­rig­kei­ten, sowie der Kampf­hand­lun­gen fuhr sie fast jede Woche nach Kroa­tien; ab 1994 auch nach Bosnien. „Dort war die Lage noch drama­ti­scher – in Kroa­tien hunger­ten die Menschen, in Bosnien verhun­ger­ten sie.“

Der „Besuch der alten Dame“ bringt den Menschen Hoff­nung

Annemarie Kury. (Foto: Ulrike Weber)
Anne­ma­rie Kury. (Foto: Ulrike Weber)

Mehr als zwei­hun­dert­sech­zig Mal ist Anne­ma­rie Kury seit­her nach Bosnien gefah­ren. Neben der Vertei­lung von Hilfs­gü­tern kümmert sie sich persön­lich um rund fünf­zig Men­schen, für die Paten­schaf­ten laufen; jedes Jahr orga­ni­siert sie zusätz­lich ein Haupt­pro­jekt. Unter­stützt wird sie dabei von ehren­amt­li­chen Helfern und treuen Spen­dern, den Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen vor Ort, sowie von der öster­rei­chi­schen Frie­dens­truppe Eufor.

Der Besuch der älte­ren Dame bringt den Menschen weit mehr als mate­ri­elle Hilfe. „Es gibt viel seeli­sches Leid“, sagt sie. „Gesprä­che und gemein­sa­mes Über­le­gen der rich­ti­gen Hilfe sind ganz wich­tig. Es genügt nicht, realis­tisch zu sein – man muss opti­mis­tisch sein, um Hoff­nung zu geben.“ Anne­ma­rie Kury ist kein Verein und keine Insti­tu­tion mit einer großen Lobby. Sie verteilt keine Flyer, wirbt nicht offen­siv um Spen­den und gibt keine Spen­den­gel­der für „Verwal­tungs­auf­wand“ aus. Sie ist ein Mensch, der sich mit viel Zivil­cou­rage für Menschen einsetzt, und damit zeigt, wie viel ein Einzel­ner bewe­gen kann.

2005 wurde Anne­ma­rie Kury zur Ehren­bür­ge­rin der Stadt Tuzla ernannt; als Anerken­nung ihres außer­ge­wöhn­li­chen Enga­ge­ments in der huma­ni­tä­ren Hilfe erhielt sie 2009 den Marga­rette Golding Award des Inner Wheel (Rotary Club) Wien; eben­falls 2009 war die Wiene­rin in der Kate­go­rie “Huma­ni­tä­res” als “Öster­rei­che­rin des Jahres” nomi­niert. Auf der Website für Inter­re­li­giöse Verstän­di­gung und Zusam­men­ar­beit fin­den Sie Infor­ma­tio­nen zu ihren Bosni­en­fahr­ten und eine Spen­den­kon­to­num­mer. Ausführ­li­che Reise­be­richte finden Sie in Anne­ma­rie Kurys Buch “Meine ungewöhn­li­chen Rei­sen”. (Erschie­nen im Projekte-Verlag Corne­lius, 227 Seiten, Hard­cover, ISBN 978–3866346864).

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