Betrüge­rische Hell­seherin­nen: Das Ge­schäft mit der Gut­­gläu­big­keit

Sie haben klang­volle Namen und verspre­chen das Blaue vom Himmel: Glück, Geld, Gesund­heit. Am Ende ist nur einer reicher – die vermeint­li­che Wahr­sa­ge­rin.

Haben Sie in letz­ter Zeit auch Post von Frau Marie de Fortune (oder von Marie Duval oder Maria Esme­ralda …) erhal­ten? Nein? Schade, dann werden Sie auch nicht reich. Denn Marie de Fortune, eine freund­li­che Dame mitt­le­ren Alters, die ein wenig verknif­fen vom Brief­kopf lächelt, hat reiche Gaben zu verschen­ken, wie sie mir in Ihrem Schrei­ben verkün­det. Die „Hell­seherin und Tarot­lo­gin im 5. Geschlecht“ ver­spricht in einem flam­men­den Plädoyer der Mensch­lichkeit und Nächs­ten­liebe alles Mög­li­che. Vor allem aber eines: Geld. Eine gan­ze Menge Geld sogar.

Der Ring der Konquis­ta­do­ren verhilft zum Lotto­g­lück

Liebe Frau Lampert“, beginnt ihr Schrei­ben „es ist eine Schande, dass man Ihnen noch immer Verspre­chun­gen macht, die nicht gehal­ten werden. … Ich, Marie de For­tune, schlage Ihnen heute etwas ganz Konkre­tes vor und ich halte mein Wort. Hier die Be­weise.“ Als „Beweis“ folgt ein fünf­sei­ti­ges lite­ra­ri­sches Mach­werk, das leider kein Ein­zelfall ist. Im großen und ganzen wird darin erklärt, dass die werte Adres­sa­tin, in die­sem Fall ich, in den nächs­ten sieben Tagen einen Scheck über 15.750 Euro er­hal­ten wird – geschenkt und völlig unei­gen­nüt­zig versteht sich – wenn ich den bei­lie­gen­den Gut­schein schnellst­mög­lich an Marie de Fortune zurück­sen­det.

Was bringt die Zukunft? Unse­riöse Wahr­sa­ger und Hell­se­her machen Geld mit der Angst und Gutgläu­big­keit von Menschen.

Zusätz­lich erhalte ich den „Ring des akti­ven Glücks und tausen­der Geld­ge­winne“. Die­ser Ring wird mich etwa „die rich­ti­gen Zahlen spüren lassen, wenn Sie einen Lotto­schein ausfül­len“ und mir zu enor­mem Reich­tum verhel­fen. Schon der Ring selbst ist an­geb­lich eine Anti­qui­tät von unschätz­ba­rem Wert.

Es war genau dieser Ring, den die spani­schen Erobe­rer trugen, als sie die Schätze der Inkas und Azte­ken nach der Entde­ckung Südame­ri­kas an sich rissen. Man sagte, dass dieser Ring durch die Macht der Götter aufge­la­den worden sei, dass sich in ihm all das Gold wider­spie­gelte, das die Konquis­ta­do­ren auf ihre Schiffe luden. Denn ab sofort wurden die Träger des Ringes auf eine magi­sche Weise geschützt. Keines ihrer Schiffe sank, alle mach­ten ein Vermö­gen und kamen heil nach Spanien zurück.“

Marie de Fortune: Wahr­sa­ge­rin auf der Schwar­zen Liste unse­riö­ser Unter­neh­men

Das ist nicht nur histo­risch frag­wür­dig; frag­wür­dig ist auch, warum Madame de Fortune dieses – angeb­li­che – Fami­li­en­erb­stück ausge­rech­net mir (oder Herrn Huber, Frau Schmitz, Frau Müller und Herrn Muster­mann) über­las­sen will. Schließ­lich kenne ich die Dame, die mir „in tiefer Freund­schaft“ verbun­den ist, über­haupt nicht.

Marie de Fortune — Wahr­sa­ge­rin auf der schwar­zen Liste unse­riö­ser Unter­neh­men.

Marie de Fortune erklärt offen­her­zig: „Als ich Ihr Dossier sorg­fäl­tig studierte, sah ich sofort, dass Sie eine schnelle und wirk­same Hilfe brau­chen, insbe­son­dere, was Geld betrifft. Sie müssen wissen, dass meine Beru­fung es schon immer gewe­sen ist, den Schwächs­ten zu helfen. Und um ehrlich zu sein, ich war von Ihrer Geschichte und Ihrem Leben beson­ders getrof­fen.“

Ich stutzte nicht nur über die gram­ma­ti­ka­li­sche Eigen­wil­lig­keit, sondern auch über den Inhalt. Weder war mir bewusst, dass ich „zu den Schwächs­ten gehört“, noch war mir klar, dass ein Dossier über mich im Umlauf ist. Wüsste ich nicht, dass es sich trotz der per­sön­lichen Anrede um ein stan­dar­di­sier­tes Schrei­ben handelt, wäre ich glatt ein biss­chen beun­ru­higt.

Dass der Brief mitnich­ten ein persön­li­cher ist, lässt sich leicht bestä­ti­gen. Fünf Minu­ten Inter­net­re­cher­che genü­gen, um Marie de Fortune auf der Website der Verbraucher­zen­tra­le Hamburg zu finden – und zwar auf der Black-List der unse­riö­sen Firmen. Dort erfährt man, dass Marie unter ande­rem deswe­gen als unse­riös einge­stuft wird, weil „das Verspre­chen, garan­tierte Lotto­ge­winn­zah­len zu liefern, Humbug ist“. Des wei­te­ren wird kriti­siert, dass es sich bei der Post­an­schrift nur um eine – wech­selnde – aus­län­di­sche Post­fach­adresse handelt, und dass man vor der Teil­nahme an dem Gewinn­spiel erst mal vier­zig Euro bezah­len muss.

Hinter dem angeb­li­chen Geschenk verbirgt sich ein teures Gewinn­spiel

Gewinn­spiel? Bezah­len? Nein, Sie haben nichts verpasst! Auf Seite sechs von Marie de Fortu­nes Schrei­ben heißt es: „Ja, liebe Marie, ich füge meinem Gutschein für eine globale, außer­ge­wöhn­li­che und gene­röse Hilfe den Geld­be­trag von 35 € bei. Dieser Betrag soll Ihre Vorbe­rei­tungs­kos­ten sowie das Porto (…) abde­cken. WEITERE KOS­TEN ENTSTEHEN MIR NICHT!“

Ja, liebe Marie, das ist groß­zü­gig! Und nur wahre Klein­geis­ter wie ich fragen sich nun doch, ob ein Geschenk, das fünfund­rei­ßig Euro kostet, wirk­lich noch ein Geschenk ist. Wird eine schnelle Bear­bei­tung des Falles gewünscht, kostet dieser Gefal­len weitere fünf Euro. Ganz so unei­gen­nüt­zig wie es den Anschein hat, ist die liebe Marie of­fen­sicht­lich nicht.

Ganz am Ende des Schrei­bens – und erst nach der Zeile mit der Unter­schrift – findet sich ein etwa acht mal zwei Zenti­me­ter großer Kasten mit schwer lesba­rer Schrift. Da­rin heißt es: „…Gewin­ner ist der Kunde, der frist­ge­recht den Gutschein ausge­füllt zu­rück­schickt und nach­träg­lich als Gewin­ner gezo­gen wird. Im Voraus hat kein Kunde den Haupt­preis gewon­nen.“ Das ist unlau­te­rer Wett­be­werb. Nach dem Konsumenten­schutz­ge­setz könnte der Betrag sogar einge­klagt werden. Theo­re­tisch, ver­steht sich, denn hinter diesem Schrei­ben steht eine Post­fach­firma, deren Verant­wort­liche kaum fass­bar sind.

Schrei­ben wie das von Marie de Fortune sind keine Selten­heit. Ihres ist vergleichs­wei­se dezent. Sie spielt „nur“ mit der Hoff­nung, der Gutgläu­big­keit und der Ver­zweif­lung von Men­schen in Notla­gen. Andere grei­fen zu dras­ti­sche­ren Mitteln: Sie ver­sen­den per Nach­nahme Pakete, die nie bestellt wurden oder fügen ihren Schrei­ben Drohun­gen hinzu, für den Fall, dass man sie igno­riert oder vernich­tet. Opfer solcher Be­trü­ger sind oft ältere Menschen, die sich nicht zu helfen wissen.

Das Geschäft mit dem Glück boomt – Geld verdie­nen damit aber nur die Initia­to­ren. Wenn Sie Schrei­ben wie das von Marie de Fortune in ihrem Brief­kas­ten finden, werfen Sie diese getrost weg. Noch besser: senden Sie sie mit dem Vermerk „Annahme ver­weigert“ zurück – unfrei, versteht sich. Denn – und diese Voraus­sage ist nun wirk­lich völ­lig kosten­los und unver­bind­lich – von Ihrem Geld sehen Sie mit Sicher­heit nie wieder etwas.

Tipp: Nicht immer sind Schar­la­tante so leicht zu erken­nen — mitun­ter schei­nen sie tatsäch­lich Dinge zu wissen, die sie eigent­lich gar nicht wissen können. Welche Sprach­mus­ter und Tricks dahin­ter stecken, und welche “Hinter­tü­ren unse­rer Psycho­lo­gie” Wahr­sa­ger und Hand­le­ser benut­zen, beleuch­tet Stefan Dittrich in “Cold Reading”.

 

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