Pilgern: Eine Seelen­wan­de­rung zu sich selbst

Zu Fuß nach Santiago de Compos­tela oder mit dem Flug­zeug nach Rom: Pilgern boomt. Das wissen auch Reise­ver­an­stal­ter und bieten spezi­elle Pilger­rei­sen an.

Seit Stun­den sind wir unter­wegs. Meine Füße sind heiß, mein Rücken tut weh. Aber mein Kopf ist frei, weil er sich nur mit so weni­gen Din­gen be­schäftigen muss. Ich habe Zeit, jeden Ge­danken zu Ende zu denken. Kein Auto­lärm, kein Te­le­fon­klingeln stört die Stille“, schreibt Ni­co­le Kunz im Herbst 2009 in ihr Tage­buch. Ge­mein­sam mit einer Freun­din ist sie vier Wo­chen lang dem Jakobs­weg gefolgt – über die Py­re­nä­en und quer durch Nord­spa­nien. 550 Ki­lo­me­ter ha­ben die zwei zurück­ge­legt. Zu Fuß, so wie es auch die frühen Pilger mach­ten.

Manche Pilger verdien­ten Geld, indem sie für andere liefen

Zu Fuß übers Gebirge: Pilgern als Reise zum Ich.

Die Idee des Pilgerns findet sich in allen Kultu­ren und Reli­gio­nen und geht von der Er­fah­rung aus, dass an einem bestimm­ten Ort oder auf einem Weg die gött­li­chen Kräf­te in be­sonderer Weise wirk­sam werden. Ganz allge­mein pilger­ten Menschen, die durch ihren Glau­ben veran­lasst wurden, zu einer heili­gen Stätte zu wandern. Zu Anfang des Pil­ger­we­sens waren das haupt­säch­lich die reiche­ren Leute des Adels und natür­lich die Geist­li­chen, den­en ihr Seelen­heil beson­ders am Herzen lag.

Erst im 12./13. Jh. wurde das Pilger­we­sen popu­lär und entwi­ckelte sich zum Mas­sen­phä­no­men. Nun nahmen alle Schich­ten der Gesell­schaft an Pilger­fahr­ten teil: Ar­me und Rei­che, Alte und Junge, Kranke, die um Gesund­heit baten, und Gesunde, die für ihre Gene­sung danken woll­ten, Menschen, die reise­lus­tig waren und nach Abenteu­ern such­ten, und geschäfts­tüch­tige Lauf­bur­schen, die gegen Entgelt für ande­rer Leu­te Seelen­heil pil­ger­ten und damit einen Sünden­ab­lass erwirk­ten.

Mit dem Boom des Jakobs­wegs ist das Pilgern wieder modern gewor­den. Alte, ver­ges­sene Pilger­wege vor der eige­nen Haus­türe werden wieder­ent­deckt. Denn jen­seits je­der Reli­gion oder Konfes­sion finden sich im Aufbre­chen, in der Suche nach neu­en Ho­ri­zon­ten, in der Begeg­nung mit dem Heili­gen und in den Mühen des Unter­wegs­seins mensch­liche Grund­wahr­hei­ten.

Beim Pilgern folgt die Zeit einem ande­ren Rhyth­mus

Pilger­denk­mal vor dem Klos­ter Beuron im Oberen Donau­tal.

Der Antrieb heuti­ger Pilger ist nicht immer reli­giö­ser Natur. Aben­teu­er­lust, Freude an Natur und Kultur frem­der Länder und die Sehn­sucht nach Entschleu­ni­gung bewe­gen jedes Jahr tausende Menschen, sich auf den Weg zu machen. Das Ziel der Reise ist dabei oft neben­säch­lich – Pilgern ist immer auch eine Reise zu sich selbst, auf der “die Seele laufen lernt”. In einer Zeit der Über­sät­ti­gung, der Schnell­le­big­keit und des Stres­ses erlebt das Pilgern eine Re­nais­sance, denn auf einer Pilger­reise läuft die Zeit anders, lang­sa­mer. Im Rhyth­mus der ei­genen Schritte erschlie­ßen sich dem Pilger Ausbli­cke, Land­schaf­ten und eigene Gren­zen. Eine Erfah­rung, die auch Nicole Kunz machte.

Ich habe noch nie einen vergleich­ba­ren Urlaub gemacht“, erzählt sie. „Trotz der kör­per­lichen Anstren­gung, die mich manch­mal an den Rand meiner Leis­tungs­fä­hig­keit brach­te, war ich vom ersten Tag an völlig entspannt. Die Tage sind klar struk­tu­riert, und da­durch wer­den auch die Gedan­ken klar. Ich habe mich auf dieser Reise ziem­lich gut ken­nen­ge­lernt und würde jeder­zeit wieder loszie­hen.“

Viel schwie­ri­ger als die körper­li­che Anstren­gung der Pilger­reise empfand sie die Rück­kehr in ihr „norma­les“ Leben. „Das erste Mal Auto fahren war ein völli­ger Schock für mich“, erzählt sie schmun­zelnd. „Alles war so furcht­bar schnell. Ich habe fast zwei Mo­na­te gebraucht, um mich voll­stän­dig zu akkli­ma­ti­sie­ren.“

Einige Reise­ver­an­stal­ter haben sich auf Pilger­rei­sen spezia­li­siert

Jakobs­weg bei Wein­gar­ten: Nur noch 2.400 Kilo­me­ter!

Wen die Lust auf eine Pilger­reise packt, dem empfiehlt sie „sehr gutes Schuh­werk, ei­nen passen­den Ruck­sack und ein biss­chen Kondi­ti­ons­trai­ning“. Die meis­ten Pil­ger­we­ge sind gut ausge­schil­dert – ein Pilger­füh­rer sollte aber trotz­dem mit ins Ge­päck. Über­nach­tungsmöglichkeiten gibt es über­all entlang der Pilger­wege in güns­ti­gen Pil­ger­her­ber­gen. Diese sind aller­dings oft über­füllt und man muss mit wenig Platz rech­nen. Das ist nicht jeder­manns Sache. Gerade auf dem Jakobs­weg ist man gene­rell sel­ten allein.

Wer sich nicht in Eigen­re­gie auf den Weg machen will, wendet sich am besten an Rei­severanstalter, die sich auf Pilger­rei­sen spezia­li­siert haben, etwa an das Bayri­sche Pil­ger­büro in München oder an das Touris­mus­re­fe­rat der Erzdiö­zese Salz­burg. Die An­ge­bote für Pilger­rei­sen sind viel­fäl­tig. Sie reichen von Wande­run­gen über Vorträge bis hin zu Klos­ter­auf­ent­hal­ten, Vati­kan­be­su­chen und Kreuz­fahr­ten zu großen Festen des Glau­bens.

Mitt­ler­weile gibt es etli­che Bücher über das Pilgern, insbe­son­dere auf dem Jakobs­weg. Der wohl bekann­teste Reise­be­richt ist Hape Kerke­lings “Ich bin dann mal weg — Meine Reise auf dem Jakobs­weg”, in dem er ganz persön­li­che Erfah­run­gen erzählt. Hilf­reich für die Vorbe­rei­tung und Durch­füh­rung einer solchen Pilger­wan­de­rung sind die beiden Bücher “Pilgern auf den Jakobs­we­gen (Basis­wis­sen für drau­ßen)” und “Pilger­tipps & Pack­liste Jakobs­weg: Was mit muss und was zu Hause blei­ben kann”.

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