Das Stallbuch: Was der alte Stallmeister noch nutzte

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Seit Jahrhunderten haben Stallbücher in Gestüten und Reitställen Tradition. Durch elektronische Medien erleben sie einen neuen Aufschwung und werden auch für private Pferdehalter interessant.

Von Gast­au­torin Regina Käsmayr: Im Reiter­stüb­chen der Lauf­stall­an­lage Halden­hof im baye­ri­schen Ay­stetten liegt ein Pferde-Tage­buch mitten auf dem Tisch. Dort hinein schrei­ben Stall­be­trei­ber und An­gestellte jeden Tag, was sie an den Pfer­den beob­ach­tet haben und zwar zu Arbeits­be­ginn, zu Arbeits­ende und nachts vor dem Ab­schlie­ßen der Ställe. Dabei schauen sie je­des einzelne der 40 bis 50 Pensi­ons­pferde von oben bis unten genau an.

Beobachtungen, Informationen und Ter­mine werden im Stallbuch notiert

Wir halten das Datum, die Zeit des Kop­pel­gangs und die Ergeb­nisse der Pferde­kon­trol­le fest“, beschreibt Volker Willen­berg, der die An­lage gemein­sam mit sei­ner Lebensge­fähr­tin be­treibt, „dane­ben gibt es Platz für weitere Be­mer­kungen.“ Hier kann zum Bei­spiel die Verab­rei­chung einer Wurm­kur, ein auf­fäl­li­ges Verhal­ten oder eine kleine Verlet­zung am Pferd vermerkt werden. Jeder Mitar­bei­ter be­stätigt seine Eintra­gun­gen mit seiner Un­ter­schrift.

Eine Zeit­lang wurde zudem der Futter­ver­brauch der Tiere einge­tra­gen, was zu der Er­kenntnis führte, dass auch dauer­hafte Stroh­füt­te­rung nicht den gewünsch­ten Di­ät­ef­fekt erzielte. „Das hätten wir ohne das Stall­buch nicht nach­voll­zie­hen können“, sagt Wil­len­berg. „Als später neue Kunden anka­men und Stroh ge­füt­tert haben woll­ten, konn­ten wir ihnen durch unsere Aufzeich­nun­gen zeigen, dass es ge­wichts­mäßig nichts ge­bracht hat.“

Grund­sätz­lich geht es bei der Idee aber eher um die Trans­pa­renz der Abläufe im Stall gegen­über den Einstel­lern. Deshalb liegt das Stall­ta­ge­buch auch für alle Pfer­de­be­sit­zer einseh­bar im Reiter­stüb­chen. Manche Nach­fra­gen erle­di­gen sich dadurch von selbst. Aber auch bei Krisen­ge­sprä­chen und Beschwer­den ist das Stall­buch oft eine wert­volle Hilfe.

Stallbücher sind für alle Arten der Pferdehaltung geeignet

Was für die große Lauf­stall­an­lage gilt, funk­tio­niert in leicht verän­der­ter Form auch in ande­ren Pfer­de­hal­tun­gen. Für Hufschmied-Termine zum Beispiel gibt es auf dem Hal­den­hof statt­des­sen einen Kalen­der, in den jeder Pfer­de­be­sit­zer sich selbst­stän­dig ein­trägt. In einem klei­nen Privat­stall, wo der Schmied alle sechs bis acht Wochen den kom­plet­ten Bestand bear­bei­tet, sind solche Termine im Stall­buch besser aufge­ho­ben.

Lena Wend­ler aus Gießen ist sich sicher: „Wenn ich diese Termine nicht aufschrei­ben würde, hätten meine Pferde ihre Eisen grund­sätz­lich zehn Wochen drauf.“ Die 35-Jäh­­ri­ge notiert neben den Hufschmied-Termi­nen auch alle Tier­arzt­be­su­che, Impfun­gen, Wurm­ku­ren, Zahn­pflege-Termine, Erkran­kun­gen, Medi­ka­men­ten­ga­ben und Tur­nier­­be­su­che ihrer drei Ponys in einem klei­nen Taschen­ka­len­der, der als Stall­buch fungiert und zu Hause auf ihrem Schreib­tisch liegt. „Ich lasse ihn grund­sätz­lich im Büro liegen, um ihn nicht zu verle­gen oder im Stall zu verlie­ren“, sagt Wend­ler.

Neben der Erin­ne­rungs­funk­tion kann ein Stall­buch manch­mal auch dabei helfen, die Zu­sammenhänge zwischen Erkran­kun­gen und äuße­ren Fakto­ren herzu­stel­len. So weiß Wend­ler nun, dass ihre Haflin­ger­stute eine bestimmte Wurm­kur nicht verträgt. Nach de­ren Einnahme zeigte sie regel­mä­ßig leichte Koliksym­ptome, deren Ursa­che ihre Be­sitze­rin zunächst nicht erkannte. „Als sie eines Tages tatsäch­lich eine mittel­schwere Ko­lik bekam, hatte ich den Verdacht, dass es an der Wurm­kur liegt und habe im Stall­buch zurück­ge­blät­tert. Tatsäch­lich hatte sie auch vorher schon entspre­chende Symp­to­me nach der Einnahme.“

Ein gut geführtes Stallbuch ist eine Hilfe für Züchter

Auch der Quar­ter-Horse-Züch­ter Helmut Schmaus-Gers­ten­berg aus Buch­holz im Wes­terwald wurde durch sein sorg­fäl­tig geführ­tes Stall­buch auf ein gesund­heit­li­ches Prob­lem aufmerk­sam, das seine Zucht jahre­lang nega­tiv beein­flusste. „ Wir hatten eine Stute, die, immer wenn der Folli­kel im rech­ten Eier­stock gereift ist, nicht aufge­nom­men hat“, erin­nert sich Schmaus-Gers­ten­berg. „Durch die Aufzeich­nung über zwei Jahre ha­ben wir den entspre­chen­den Beweis erbracht und in diesem Fall erstens gar nicht be­samt und zwei­tens den Eisprung beschleu­nigt. Das spart Zeit und Geld.“

Zu Doku­men­ta­ti­ons­zwe­cken, zur Kosten­über­sicht und als Termin­er­in­ne­rung haben Stall­bücher eine lange Tradi­tion. Sie werden nicht nur in Gestü­ten einge­setzt, sondern auch in der Rinder­hal­tung und Schafs­zucht. Dafür gibt es diverse Kartei­kar­ten­sys­teme und zahl­rei­che selbst­ge­bas­telte Excel-Vorla­gen, die munter im Inter­net herum­ge­reicht werden. Um diese viel­fäl­ti­gen Aufzeich­nungs­sys­teme besser und vor allem trans­pa­ren­ter zu machen, hatte Helmut Schmaus-Gers­ten­berg die Vorstel­lung eines persön­li­chen, elek­tro­ni­schen Stall­buchs. Aus der Idee entstand schließ­lich das Inter­net­portal www.Barnboox.de, das neben einer Hengst- und Wissens-Daten­bank die kos­ten­lo­se Online-Stall­buch-Funk­tion bietet.

Altes Buch in neuer Form: Das digitale Stallbuch hat viele Vorteile

Neue Medien: Das alte Stall­buch, in dem Infor­ma­tio­nen zu den Pfer­den einge­tra­gen werden, gibt es jetzt auch digi­tal — mit vielen Vortei­len für den Nutzer.

Das Stall­buch bei Barn­boox ist ein persön­li­ches Pferde-Tage­buch. Nach­dem man sich mit Name und Pass­wort einge­loggt hat, stehen alle Funk­tio­nen kosten­los zur Ver­fü­gung. Grund­lage des Stall­buchs ist das Pferd, das mit Namen, Pedigree und vie­len an­de­ren Basis­in­for­ma­tio­nen einge­tra­gen wird. Auch Bilder und Videos lassen sich dazu uploa­den und fest mit dem Pferd verbin­den. Das ist nicht nur eine nette Zu­satz­funk­tion, sondern auch für die Doku­men­ta­tion “schlei­chen­der” Vorgänge interes­sant: Ein mo­nat­liches Foto vermit­telt einen besse­ren Eindruck von der Ent­wick­lung eines Problem­hufs, als jede Beschrei­bung. Eine regel­mä­ßige Lahmheits­kon­trolle, auf Video aufge­zeich­net, lässt objek­tiv erken­nen, ob tatsäch­lich eine Ver­besserung einge­tre­ten ist.

Dane­ben helfen die Berei­che wie Termine und Ereig­nisse nicht nur, die tägli­chen, klei­nen „Geschich­ten“ ums Pferd fest­zu­hal­ten, sondern auch ganz konkrete Dinge wie Wurm­ku­ren, Beschlag­ter­mine, Behand­lun­gen etc. zu notie­ren. Das System hilft, die Er­eig­nisse bestimm­ten Kate­go­rien zuzu­ord­nen und somit über­sicht­li­cher zu gestal­ten. Im Nach­hin­ein lassen sich die Infor­ma­tio­nen rund ums Pferd auch über einen ver­gan­ge­nen Zeit­raum gezielt darstel­len und ausdru­cken.

Beson­ders für Pfer­de­hal­tun­gen, in denen sich unter­schied­li­che Perso­nen zu unter­schied­li­chen Zeiten um die Pferde kümmern (und sich oft nicht persön­lich begeg­nen), ist ein Stall­buch ein wich­ti­ges Kommu­ni­ka­ti­ons­mit­tel und für den Austausch von In­formationen uner­läss­lich. Hier hat die digi­tale Form einen großen Vorteil: Die Infor­ma­tio­nen sind für jeden zugäng­lich, der die Login-Daten hat. Dadurch können mehre­re Benut­zer das Stall­buch führen — so wie das auch in der “Holzbuch”-Fassung am Halden­hof gemacht wird. In beiden Fällen werden Infor­ma­tio­nen nicht irgendwo auf ei­nen Zettel geschrie­ben, sondern zentral gesam­melt. Im Unter­schied zum klas­si­schen Stall­buch aus Papier, lässt sich das digi­tale aber von über­all einse­hen.

So kann jeder schon von zu Hause aus einen Blick ins Stall­buch werfen, und nicht erst vor Ort. Das spart unnö­tige Fahr­ten (etwa wenn der Besit­zer von Max schon im Vorfeld weiß, dass Max ein Eisen verlo­ren hat und nicht gerit­ten werden kann) oder unnö­ti­gen Stress (etwa, wenn jemand davon ausgeht, dass er nur kurz zum Füttern fährt, und er dann im Stall einen Zettel findet, er möge doch bitte noch einen Verband wech­seln und eine halbe Stunde spazie­ren führen). Sinn­voll und konse­quent einge­setzt erleich­tert das digi­tale Stall­buch die Zusam­men­ar­beit und die Koor­di­na­tion von Abläu­fen und Trai­ning und trägt zu einem entspann­te­ren Mitein­an­der im Stall bei.