Ein Steg ist keine Brücke — Der Mond­gar­ten­traum von Claudia Lampert

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Wie sagt man glaubwürdig “Ich liebe dich”? Indem man es am besten gar nicht sagt. Und dann nach Jahren feststellt, dass es ganz einfach ist. Leseprobe und Rezension.

David und Johanna haben ein Problem. Nun gut — sie haben mehr als eins. Aber dieses hier ist das größte und schwie­rigste: Wie sagt man dem ande­ren, dass man ihn liebt?

Leseprobe: “Ich liebe dich”

Der Mond­gar­ten­traum, gebun­den, 138 Seiten.

Ich liebe dich“. Johanna drehte die Worte in ih­rem Kopf hin und her. Sie klan­gen abgedro­schen und kitschig. Lite­ra­risch über­stra­pa­ziert. „Ich hab dich lieb“, versuchte sie es. Bes­ser, aber es war leider etwas ganz ande­res. „Du bist mir das Liebste auf der Welt“. Noch kitschi­ger. „Ich liebe dich mehr als alles ande­re.“ Nein, der Zusatz behob das Problem über­haupt nicht. Im Ge­genteil. Also doch „Ich liebe dich.“ Eine schlich­te Fest­stel­lung, gelas­sen und mit ru­hi­gem Blick ausge­spro­chen, so dass David es glau­ben konnte. Viel­leicht ging es doch.

Johanna seufzte. Nein, es ging ganz und gar nicht. „Ich liebe dich“ – auf Hoch­deutsch klang es aufge­setzt und fremd. Regel­recht thea­tra­lisch und ausge­spro­chen gestelzt. Und im Dialekt? „I liab di“, sagte sie laut, um den Klang auszu­pro­bie­ren. Um Gottes Wil­len, das war ja noch schlim­mer als erwar­tet! Lieber hätte sie sich die Zunge abge­bis­sen. Sie seufzte noch einmal und griff nach ihrem Buch. „Ich liebe dich“ kam de­fi­ni­tiv nicht in Frage.

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“Ich liebe dich kam defi­ni­tiv nicht in Frage.”

Wie war dein Tag?“, fragte Johanna ihn jedes Mal, wenn er von der Arbeit im Kran­ken­haus nach­hause kam. „Ich liebe dich“, dachte sie insge­heim. „Mein Tag beginnt erst jetzt“, gab er jedes Mal zur Antwort, dachte dasselbe, war mit seinen Worten aber ei­ne Spur näher dran. Jedes Mal entstand eine winzige Pause, in der ihre Augen sie ver­rie­ten. Ein scheues Lächeln auf beiden Seiten, und sie rede­ten über andere Dinge.

Der kurze Dialog, immer gleich, war Frage und Rück­ver­si­che­rung, Geständ­nis und Be­stä­ti­gung zugleich. Ein Ritual. Magie, die ihre Nahrung in der Wieder­ho­lung fand und das Band nach der kurzen Tren­nung des Tages aufs Neue wieder anknüpfte.

Rezension: Die Macht der Worte — und die Macht der Lücken dazwischen

Sie fühlen sich wie durch einen Zauber zuein­an­der hinge­zo­gen: David und Johanna. Doch die Liebe zwischen ihnen schei­tert an ihrer Unaus­sprech­lich­keit. Wie die wenig attrak­tive, schwer­brüs­tige und dem Sex nicht gerade verfal­lene Johanna diesen David verzau­bert, das ist auf diesen im Grunde tief­trau­ri­gen Seiten mit viel Liebe und Sehn­sucht erzählt, selbst wie ein Traum, ein verträum­tes Sich­fin­den in Näch­ten, ein nacht­mah­ri­sches Sich­ver­lie­ren am Tag, im Beruf und zwischen all den andern Men­schen, die nichts wis­sen oder, wenn sie ahnen, Unbe­ha­gen empfin­den.

Mit Buch und Autor ist es wie mit alten Ehepaa­ren: Man wird sich immer ähnli­cher … (Foto: Ange­lika Hleft­schar und Eva Schle­ker)

Was sie teilen, die intui­tiv verstan­dene Spra­che ihrer Symbole – es ist voll, es trägt im Augen­blick und schafft Zeit­lo­sig­keit, aber darüber hinaus, in den Alltag und in ein ge­mein­sames Leben ist dieser Steg keine Brücke. Eine Liebe, die – gewürzt mit Miss­ver­ständnissen, klei­nen Rachen und billi­gem Verrat – in eine Dekade der Sprach­lo­sig­keit mündet.

Das ist nicht einfach “nur” ein Liebesroman, sondern die prä­zi­se, mit aller Sorg­falt er­zählte Geschichte von zweien, die wis­sen, wie sehr sie fürein­an­der be­stimmt sind, und doch nicht wis­sen, wie sie dazu stehen sollen. Clau­dia Lampert weiß, wo die große Lie­be beginnt — auf der Unfall­sta­tion. Sie weiß auch, wo sie endet — in der Psych­ia­trie. Je­de/​r sollte das wissen. Wissen sollte man aber auch, dass die eigent­li­che Ge­schich­te, ‘the real stuff’, sich zwischen Anfang und Ende, zwischen der Reparatur­an­stalt für den Körper und der für die Seele, abspielt, und wie die Auto­rin ihre bei­den Haupt­fi­gu­ren und einige mehr um eine unge­wöhn­li­che Anzie­hungs­kraft krei­sen lässt, muss man gele­sen, aber besser vorher noch gehört haben.

Rezen­sion von Michael Raffel, anläss­lich der Lesung im Lite­ra­tur­café Tübin­gen.

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Info: Der Mond­gar­ten­traum, Bucher Verlag 2007, ISBN 978–3-902612–19-9, 138 Seiten, gebun­den mit Schutz­um­schlag. Auf Wunsch signiert und/​oder mit persön­li­cher Widmung. Bei uns erhält­lich um 9,90 Euro (kosten­lo­ser Ver­sand in Deutschland­). Schi­cken Sie uns bei Inter­esse einfach eine Email an info@libellius.de!