Westlich von Swansea ragt die Gower-Halbinsel mit ihren Wäldern, Dünen und Sandstränden in den Bristol-Kanal hinein. Die Halbinsel gehört zu den bekanntesten touristischen Regionen in Wales – der Strand von Rhossili am westlichsten Ende der Halbinsel wurde wiederholt zum schönsten Strand Großbritanniens gewählt und wird auch zu den schönsten der Welt gezählt.
Salzwiesen, Untiefen und der schönste Strand Großbritanniens – die Gower-Halbinsel
Im Norden der Halbinsel, am Whiteford Sands, merken wir vom Tourismus gar nichts. In den winzigen Dörfern rundherum gibt es praktisch keine touristische Infrastruktur, und der lange Sandstrand ist Mitte Juni menschenleer. Das liegt in erster Linie daran, dass der Strand nur zu Fuß zu erreichen ist – zwei, drei Kilometer Fußmarsch muss man einplanen; gute vier sind es bis zur nördlichen Landspitze, dem Whiteford Point.

Wer sich davon nicht abschrecken lässt, den erwartet eine außergewöhnliche und abwechslungsreiche Landschaft: Der Pfad führt duch Gowers höchste Dünen, einen angenehm duftenden Pinienwald und die renaturierten Salzwiesen des Cwym Ivy Marsh, das zurecht als „Area of Outstanding Natural Beauty“ geführt wird.
Das Cwym Ivy Marschland war früher Bestandteil des Ästuars (Trichtermündung) des River Loughor und war je nach Gezeitenstand trocken oder überflutet. Um das Areal als Weidefläche zu nutzen, begann man bereits im Mittelalter mit der Entwässerung.

Ein im 17. Jh. erbauter Damm legte das Gebiet trocken. Ab Mitte der 2000er-Jahre wurden Überlegungen laut, das Gebiet zu renaturieren. Damit sollten Ausgleichsflächen geschaffen werden, weil durch den Klimawandel und den Anstieg des Meeresspiegels zu erwarten ist, dass andere Salzwiesenbiotope in der Region zerstört werden.
Ein natürlicher Dammbruch im Jahr 2014 wurde daher begrüßt, und der Damm wurde nicht wieder instand gesetzt. Der Wales Coast Path, der bisher über den Damm geführt hatte, wurde verlegt – ein Umweg, der bei der Bevölkerung nicht nur auf Gegenliebe stieß. Wer heute zur Landspitze „Whiteford Point“ laufen möchte, kommt an den Überresten des Damms vorbei.

Das Whiteford Lighthouse: Wales‘ letzter viktorianischer Gusseisen-Leuchtturm
Vom Whiteford Point ist das Ziel unserer Wanderung bereits zu sehen: Das Whiteford Lighthouse, das etwa 750 m vor der Küste im Meer steht. Er ist der einzige erhalten gebliebene viktorianische Leuchtturm aus Gusseisen in Südwales – und er ist der einzige gusseiserne Leuchtturm Großbritanniens, der von Wellen umspült wird. Traditionell wurden Eisenleuchttürme auf dem Festland oder auf Molen deutlich oberhalb der Wasserlinie erbaut und standen nicht mit „nassen Füßen“ in der Brandung.
In Whiteford war es sinnvoller, das Leuchtfeuer direkt am Rand der Gletschermoräne zu errichten, die für die Untiefen im River Loughor verantwortlich ist. Diese stellten für die Schifffahrt vom und zum Hafen von LLanelli eine tückische Gefahr dar. Allein im Jahr 1868 liefen sechzehn Schiffe im Loughor-Ästuar auf Grund. Dabei starben insgesamt dreißig Menschen – und das, obwohl es damals bereits einen Leuchtturm gab.

Der erste Leuchtturm am Whiteford Point wurde 1854 von Kapitän John Pasley Luckraft, dem Hafenmeister von LLanelli, entworfen und errichtet. Das damalige Pfahlbauwerk konnte dem ständigen Wellengang aber nicht allzu lange stand halten. Bei einem Sturm wurde der Turm zudem stark beschädigt, und Unterhaltskosten wurden untragbar. 1864 sah sich die Hafenbehörde 1864 dazu gezwungen, den Bau eines neuen Bauwerks in Betracht zu ziehen.
Billig, schnell, flexibel: Die Vorteile von Metall-Leuchttürmen

Den Auftrag dazu erhielt der in Llanelli geborene Ingenieur John Bowen (1825-1873) . Bowen war der Sohn eines Schmieds und arbeitete im Kupferwerk Nevill, Druce & Co. Dort war er 1861 für den Entwurf und den Bau eines 97,5 m hohen Schornsteins verantwortlich, der damals als der höchste Schornstein Europas galt.
Bowen entschied sich bei den Plänen für den neuen Leuchtturm für das Material, das ihm als Schmied am nächsten war: Metall. Leuchttürme aus Gusseisen waren damals bereits im ganzen Commonwealth in Gebrauch – und nicht nur dort. Der erste britische Gusseisen-Leuchtturm wurde 1803 im Hafen von Swansea erbaut, nicht allzu weit von Llanelli entfernt.
Mitte des 19. Jh. hatten gusseiserne Leuchttürme dann ihre Hochzeit: Die Kosten dafür waren deutlich geringer und die Bauzeit kürzer als bei Steinbauten (jeweils nur ca. ein Drittel), das Gesamtgewicht der Türme war geringer, was weniger massive Fundamente erforderte und Gusseisen war widerstandsfähig gegenüber salziger und sandiger Luft.
Ein weiterer wichtiger Vorteil war die Flexibilität, denn die Türme konnten auseiander genommen und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden.
Alexander Gordon: Leuchtturm-Bausätze für die ganze Welt
Vor allem der Ingenieur Alexander Gordon (1802-1868), ein Zeitgenosse Bowens, machte sich hier einen Namen: Er galt als Koryphäe des Leuchtturmbaus; in ganz Europa wurde nach seinen Plänen gebaut. Er entwarf zudem eine Reihe von gusseisernen Leuchttürmen für die Gewässer der Kolonien.

Die gusseisernen Platten wurden in Pimlico (London) gegossen und mussten perfekt zueinander passen. Für jede Platte wurde daher eine Holzform hergestellt, diese wurde in Formsand (eine Mischung aus Sand und Ton) abgedrückt und dann gegossen. Treppen, Fenster, Galerien und Zäune wurden separat gegossen und waren, dem Stil des viktorianischen Zeitalters folgend, waren das oft echte Kunstwerke.
Für die Laternenkuppel wurde meist Messing oder Bronze verwendet, weil diese Materialien sowohl der Kälte, der salzigen Luft und der Hitze durch die Lampen besser gewachsen waren als Gusseisen.

Die fertigen Teile wurden dann als „Bausatz“ verladen und per Schiff an die entferntesten Orte der Welt transportiert: Nach Jamaika, Barbados und Südafrika, auf die Bermudas und die Turkinseln im Westindischen Ozean, um nur einige zu nennen. Am Zielort angelangt wurden sie von vergleichsweise ungelernten Arbeitskräften zusammengebaut.
Einige dieser Leuchttürme sind noch heute in Betrieb – das Cape Pine Light in Neufundland etwa und das Morant Point Lighthouse auf Jamaica. In Großbritannien sind nur noch wenige gusseiserne Leuchttürme erhalten – kein einziger ist noch aktiv in Betrieb. Das Whiteford Lighthouse war der letzte Metallleuchtturm, der außer Dienst gestellt wurde.
Der Bau des Leuchtturms war nur bei Ebbe möglich

Erbaut wurde das Whiteford Lighthouse ab 1854. Dafür wurden 88 Holzpfähle in die Gletschermoräne im River Loughor gerammt und horizontal mit Mauersteinen verbunden. Rund fünfhundert gusseiserne Bolzen und Schrauben waren dafür notwendig – jeder einzelne davon wog zwei Pfund (0,91 kg).

Der so entstandene vier- oder achteckige „Kasten“ (das ist nicht ganz klar überliefert) wurde ausgehoben und dann teilweise mit Beton verfüllt, um ein solides Fundament zu schaffen. Das gesamte Material musste mit dem Boot angeliefert werden; die Arbeiten selbst waren nur bei Ebbe möglich und dauerten entsprechend länger als am Festland.
Die Hülle des Leuchtturms besteht aus 105 gebogenen Gusseisenplatten mit einer Dicke von 32 mm. Über hochstehende Flansche wurden sie mit Bolzen verbunden.
Insgesamt wurden acht Reihen übereinander gesetzt – bis zur sechsten Reihe verjüngt sich der Turm nach oben hin. Während der Turm an der Basis einen Durchmesser von 24 Fuß (ca. 7,3 m) hat, sind es in Laternenhöhe nur noch 11 Fuß und 6 Zoll (ca. 3,5 m).
Der Turm ist 13,5 m hoch; der Zugang zum Leuchtfeuer und zu den Wohnräumen erfolgte über eine Leiter, die an der Seite des Leuchtturms verschraubt war. Eine umlaufende Galerie im viktorianischen Stil gab dem Leuchtturm eine elegante Note.
Damit der Turm jederzeit zu Fuß erreichbar war, wurde er außerdem mit einem metallenen Holzbohlen-Steg mit dem rund 750 m entfernten Festland der Gower-Halbinsel verbunden.
Sitzt, passt, wackelt und hat Luft: Das Whiteford Lighthouse geht in Betrieb
Am Montag, dem 29. Oktober 1866, wurde das Leuchtfeuer, bestehend aus drei Argand-Lampen (Öllampen) und Reflektoren, zum ersten Mal entzündet. Es hatte eine Reichweite von rund sieben Seemeilen und leuchtete „von halbflutlich bis halbebblich“, wie die damalige Lokalzeitung für heutige Ohren etwas kryptisch verkündete.

1876 wurde eine vierte Lampe installiert, und der Leuchtradius erweitert. Eine Seekarte der Admiralität von 1887 zeigt einen „Leuchtbogen“ der Lichter von Südsüdwest über Norden nach Ostsüdost.
Etwa zu dieser Zeit wurden auch erste Renovierungsarbeiten am Tum nötig: Die Platten der untersten drei Ringe zeigten vertikale Risse. Ein ortsansässiger Schmied fertigte schmiedeeiserne Bänder an, mit denen die gerissenen Platten verschraubt und stabilisiert wurden. Bis 1884 wurden 150 dieser Bänder angebracht.

Der Boden um den Turm wurde mit einem 46 cm tiefen Betonsockel verstärkt, der mit einem breiten Eisenband eingefasst war. So sollte auch das Schwanken des Turms, das der Leuchtturmwärter mit „einigen Zentimetern“ angab, eingedämmt werden. Bis auf diese Instandsetzungsarbeiten tat der Turm seine Dienste bis in die 1920er Jahre in einwandfreiem Zustand – trotz der erheblichen Zweifel, die vor dem Bau laut geworden waren.
Das Ende einer Ära und ein erneutes Aufflackern
1919 beschloss die Hafenbehörde, in Burry Holmes einen neuen, leistungsstärkeren Gasleuchtturm zu errichten. Hauptgrund dafür war, dass sich die Fahrrinne verlagert hatte und nun etwas weiter vom Whiteford Lighthouse entfernt war. Das neue Leuchtfeuer auf der anderen Seite des River Loughor wurde 1921 fertig gestellt und in Betrieb genommen – der alte Leuchtturm am Whiteford Point wurde abgeschaltet.
Sechzig Jahre später leuchtete das Whiteford Lighthouse erneut: Auf Bitten lokaler Segler wurde es in den 1980er Jahren mit einer vollautomatischen Lichtanlage ausgestattet, die sich einschaltete, wenn das Tageslicht einen voreingestellten Grenzwert unterschritt. Der Turm bot so einen zusätzlichen Orientierungspunkt zwischen Burry Port und der Gower Halbinsel.
Nach einem Ausfall der Solaranlage wurde die Lichtanlage ausgebaut und nicht durch eine neue ersetzt. In einer einmaligen Aktion wurde der Leuchtturm 2022 anlässlich des Platin-Jubiläums der Queen für ein Wochenende lang beleuchtet. Dafür installierten Kletterer und Ingenieure zwei leistungsstarke LED-Flutlichter.
Der Leuchtturm ist heute nur noch tagsüber und bei guter Sicht als Navigationspunkt für Schiffe von Bedeutung – und natürlich als Fotospot und Etappenziel für unternehmungslustige Wanderer.
Wanderung zum Whiteford Lighthouse – was es zu beachten gibt
Wer das Whiteford Lighthouse besuchen will, braucht gutes Schuhwerk, ausreichend Zeit und einen verlässlichen Gezeitenkalender: Anders als zu seiner aktiven Zeit ist der Leuchtturm heute nicht mehr über einen Steg erreichbar, sondern nur noch über den Meeresboden. Das ist nur bei Ebbe möglich. Dann ist der Untergrund weitgehend fest, besteht aus Steinen und Geröll mit einigen Sandbänken und reichlich Pfützen, die sich aber leicht umgehen lassen.

Planen Sie gute vierzig Minuten für die rund 750 m vom Strand zum Turm und zurück ein; lieber etwas mehr. Das Gelände ist technisch nicht extrem anspruchsvoll, erfordert aber einige Aufmerksamkeit und durch die stehenden Tümpel auch den ein oder anderen Umweg. Die Flut erreicht hier eine Geschwindigkeit von bis zu 6 km/h, und wer von ihr eingschlossen wird, kann ernsthaft in Schwierigkeiten geraten.

Die gesamte Wanderung vom Parkplatz in Llanmadoc durch die Salzwiesen zum Leuchtturm und am Sandstrand zurück ist ziemlich genau zehn Kilometer lang. Aufgrund der Bodenverhältnisse (Sand, Geröll, Marschland) sollten Sie eine reine Gehzeit von zweieinhalb bis drei Stunden einplanen. Nennenswerte Steigungen gibt es auf der Strecke nicht, einzig das erste/letzte Stück vom und zum Parkplatz geht bergab/bergauf.


