„Auf diesem Felsen will ich meine Kirche bauen“, sagt Jesus im Matthäus-Evangelium (16,18) zu seinem Jünger Petrus. Bis nach Winchester drang diese Aussage offenbar nicht durch, denn die Erbauer der Kathedrale bauten nicht auf Fels, sondern mitten im Torfmoor. Statt steinernen Fundamenten wurden Eichen- und Buchenstämme in den sumpfigen Boden gerammt.
Länge statt Höhe: Winchester hat das längste Kirchenschiff der Welt

Auf diesem „Floß“ wurde in nur elf Jahren (1079-1090) die beeindruckend große Krypta und eine nicht minder beeindruckend hohe normannische Kirche errichtet – das heutige Querschiff der Kathedrale.
Eine eher wacklige Angelegenheit, könnte man meinen. Ob die Baumeister mehr Vertrauen in die Statik („das hält schon!“) oder Vertrauen in Gott hatten, ist nicht überliefert.
Überliefert ist, dass bereits 1107 der Vierungungsturm einstürzte. Die Baumeister ließen sich davon nicht entmutigen, machten aber Zugeständnisse. Die Vierungspfeiler wurden verstärkt, der Turm selbst aber nicht mehr in seiner ganzen Höhe neu errichtet.
Heute wirkt der etwa 46 Meter hohe Vierungsturm eher wie ein Stumpf – im Vergleich zu anderen englischen Kathedralen wirkt Winchester Cathedral gedrungen und geduckt und macht von außen nicht allzu viel her.

Statt in die Höhe wurde in die Länge gebaut: Im 14. Jahrhundert hatte die Kathedrale eine Gesamtlänge von 180 Metern erreicht. Das machte Winchester zur längsten Kathedrale der Welt. Später wurde die Westfassade abgerissen und um zwölf Meter zurück gesetzt, so dass das Langschiff der Kathedrale heute 168 m Länge hat. Rund 24 m Höhe misst es im Innenraum.

Auch heute noch steht die Krypta unter Wasser
Dass ihre Kirche „nasse Füße“ hatte, schien die Erbauer nie groß zu stören. Man lebte eben damit, dass die Krypta ständig unter Wasser stand. Man lebt auch heute noch damit, denn in regenreichen Jahren kann das Wasser hier schon mal knietief werden.

Für ihren ursprünglichen Zweck, die Aufbewahrung von Reliquien und die Beisetzung von (wichtigen) Toten, war die Krypta zwar nicht geeignet, dafür beherbergt sie gleich drei Brunnen und stellte in Notsituationen die Versorgung mit Trinkwasser sicher.
Die Geschichte von William Walker und der Kathedrale von Winchester in unserem YouTube Video
Die Toten wurden stattdessen direkt in der Kathedrale beigesetzt. Gleich mehrere angelsächsische und dänische Könige fanden hier ihre letzte Ruhestätte. Ihre steinernen Särge wurden einfach am Boden aufgestellt, und als dort der Platz knapp wurde, stellte man sie auf die Arkadenbögen zwischen Mittel- und Seitenschiff – näher bei Gott.

Die Kathedrale verneigt sich …

Die Kathedrale stand bereits mehr als achthundert Jahre lang, als Anfang des 20. Jahrhunderts die ersten Risse in der Fassade auftauchten.
Die Eichenstämme waren faulig geworden, sanken ein und verschoben sich. Und mit ihnen das darüber erbaute Gotteshaus. Steinbrocken lösten sich und polterten zu Boden. Es wurde unübersehbar, dass die Kathedrale einsturzgefährdet war.
Der Architekt Thomas Jackson wurde hinzugezogen. Nach langen Prüfungen und Beratungen entschied man sich für ein konventionelles Vorgehen.
Entlang der Fassade sollten schmale Gräben ausgehoben und mit Beton verfüllt werden. Die Gräben müssten rund vier Meter tief sein und bis unter das Grundwasser reichen, um die Kathedrale im festen Boden darunter zu verankern.
Die Arbeiten scheiterten, kaum dass sie begonnen hatten, denn die Gräben füllten sich schneller mit Wasser, als jemand „Beton“ sagen konnte. Nicht einmal eine eigens herangeschaffte Dampfpumpe konnte die Wassermassen eindämmen.
Außerdem hätte ein unkontrolliertes Abpumpen des Grundwassers die Kathedrale noch weiter destabilisiert und direkt einstürzen lassen.
Das Renovierungs-Projekt ufert aus …

In dieser verzweifelten Lage hatte der Projektingenieur Francis Fox den entscheidenden Geistesblitz: Tiefseetaucher. Man fragte bei Siebe, Gorman & Co an und bekam zwei Taucher ausgeborgt: Rayfield und Walker. Geplant war, die Taucher ca. zwölf bis fünfzehn Monate abwechselnd zu beschäftigen, um den instabilen östlichen Teil der Kathedrale zu stützen.
Ihre Aufgabe: In die wassergefüllten Schächte tauchen und unterhalb der Kathedrale Zementsäcke anbringen. Nach dem Öffnen der Zemensäcke sollten diese mit dem Wasser abbinden und eine stabile Struktur bilden.
Dann könnte das Grundwasser abgepumpt werden und die eigentlichen Maurerarbeiten beginnen.
Aus Kostengründen wurde Rayfield nach etwa einem Jahr zurück in die Werft von Portsmouth geschickt. William Walker blieb und arbeitete alleine weiter. Je weiter die Arbeiten voran schritten, um so mehr Schäden wurden offenbar.
Aus den geplanten zwölf bis fünfzehn Monaten wurden am Ende fast sechs Jahre. In diesen Jahren wurden 235 Schächte entlang der Fassade gegraben. Bis zu sieben Meter tief reichten sie ins Grundwasser. Ab 1906 tauchte William Walker jeden Tag in diesen Schächten.
Arbeiten in Stille und Dunkelheit

Walkers Taucheranzug wog rund neunzig Kilo, und war so umständlich anzuziehen, dass er dabei Hilfe brauchte. In Pausen setzte er nur den Helm ab, weil das An- und Ausziehen des Anzugs zu viel Zeit gekostet hätte.
Mit diesem schweren, unförmigen Anzug stieg Walker über eine Leiter in den Graben – zusätzlich beladen mit einem rund zwanzig Kilo schweren Zementsack. Er arbeitete in völliger Dunkelheit.
Das aufgewühlte Sediment machte das Wasser komplett undurchsichtig – selbst mit Lampe konnte Walker nichts sehen. Also tastete er sich mit den Händen voran, entfernte den Torf unter den Mauern, positionierte seinen Zementsack und stieg wieder aus dem Schacht nach oben. Eine gefährliche, anstrengende und monotone Arbeit.
Walker arbeitete bis zu sechs Stunden täglich, beinahe sechs Jahre lang. In dieser Zeit verbaute er mehr als 25.000 Zementsäcke. Dann endlich konnten die Fundamente trocken gelegt und verstärkt werden.
Der Held von Winchester

Für seinen unermüdlichen Einsatz wurde William Walker vom Königshaus zum Member of The Royal Victorian Order (MVO) ernannt.
Der Taucher starb 1918 gemeinsam mit seiner Frau an der Spanischen Grippe.
1964 wurde ihm zu Ehren beim Bildhauer Charles Wheler eine Statue in Auftrag gegeben, die in der Kathedrale aufgestellt werden sollte.
Um diese möglichst naturgetreu zu gestalten, wurde Wheler ein Foto zur Verfügung gestellt, auf dem zwei Männer zu sehen sind: Einer in Zivilkleidung, der andere im Taucheranzug. Wheler nahm an, der Mann im Taucheranzug sei William Walker.
Bei der feierlichen Enthüllung der Statue waren etliche Nachkommen Walkers anwesend. Einhellig stellten sie fest, dass die Statue keinerlei Ähnlichkeit mit William Walker hatte. Das Foto, das Wheler erhalten hatte, war irreführend: Walker trug auf diesem Bild Zivielkleidung – der Mann im Taucheranzug war der Projektingenieur Francis Fox.

Fox tauchte zwar nicht regelmäßig, war aber für die gesamte Planung und Durchführung der Renovierungsarbeiten verantwortlich und damit auf andere, aber nicht weniger wichtige Weise an der Rettung der Kathedrale beteiligt.
Fox wurde 1912 für seine Verdienste (auch an anderen Kathedralen wie der St. Paul’s Cathedral) zum Ritter geschlagen.
Whelers Statue wurde später entfernt und durch eine andere von Glyn Williams ersetzt. Sie ist heute in der Kathedrale ausgestellt und zeigt ganz sicher den Taucher, der „Winchester Cathedral mit seinen beiden Händen rettete“.
