Es ist kühl, es ist grau, es nieselt, und es ist so windig, dass der Regenhut schon am Parkplatz davon fliegt und im Auto bleibt. Wir zurren unsere Kapuzen fest und starten zu einer Wanderung, die uns einen Moment lang an Frodos und Sams Reise nach Mordor erinnert – wäre da nicht der perfekt ausgebaute Weg mit den akkurat aufgeschichteten Mauern rechts und links. Den hatten die Hobbits nicht, aber der Rest ist schon sehr mordor-like.
Auf dem Weg nach Mordor? Oder doch ins Dinorwig Slate Quarry?
Wir sind im zweitgrößten Schiefersteinbruch der Welt unterwegs: Dem Dinorwig Slate Quarry bei Llanberis in Nordwales.

Was wir mit den Hobbits teilen, sind schwarze, scharfkantige Steine um uns herum. Millionen davon, aufgeschüttet zu riesigen, instabilen Halden. Man mag sich nicht vorstellen, wie mühselig und gefährlich es wäre, sich quer über diese Abraumhalden zu bewegen. Zum Glück ist das nicht nötig – es wäre auch eine denkbar schlechte Idee, auf die Besucher besser nicht kommen sollten.

Bereits 1860 wurden im Dinorwig Slate Quarry jährlich 20.000 Tonnen verkaufsfähiger Schiefer gewonnen. Gegen Ende des Jahrhunderts waren es mehr als 80.000 Tonnen. Auf jede Tonne verkaufsfähigen Schiefer kam das zehn- bis dreißigfache an Schutt. Jahr für Jahr, bis der Steinbruch 1969 geschlossen wurde. Die „Bad rockman“ waren dafür zuständig, diesen Schutt weg zu räumen – und durch diese Abraumhalden führt heute unser Weg hinauf.


Anglesey Barracks: Die grauenhaften Lebensbedingungen der Arbeiter
Wir erreichen die Anglesey Barracks (Dre Newydd). Hier waren unter der Woche die Arbeiter untergebracht, die zu weit entfernt wohnten, um jeden Abend nach Hause zu fahren. Trotz des Namens lebten hier nicht nur „Pendler“ von der Insel Anglesey, sondern auch aus anderen Regionen. Zur Hochzeit des Schieferabbaus waren in Dinorwig mehr als dreitausend Arbeiter beschäftigt – das Einzugsgebiet war entsprechend groß.

Jedes der Häuser hatte zwei (winzige) Zimmer und war für vier Arbeiter vorgesehen. Manchmal wohnte eine ganze Familie dort, wenn mehrere Familienmitglieder im Steinbruch beschäftigt waren. Im Wohnzimmer gab es einen Kohleofen. Dieser musste von den Männern selbst befeuert werden – mit Kohle, die sie den steilen Hügel hinauf tragen mussten. Rund hundert ziemlich steile Höhenmeter sind es vom Flussufer bis zu den Anglesey Barracks.

Die Häuser hatten keinerlei Isolierung und boten kaum Schutz vor den Elementen. Besonders im Winter waren die Lebensbedingungen katastrophal. Außerdem waren sie oft von Ungeziefer wie Flöhen und Ratten befallen.
1905 wurde der Steinbruch ans Stromnetz angeschlossen – die Baracken gingen leer aus, und die Arbeiter waren weiterhin auf Kerzen oder Öllampen angewiesen. Auch Badezimmer suchte man vergebens – auf dem gesamten Steinbruchgelände gab es nur zwei Toiletten. Wasser mussten die Arbeiter aus umliegenden Bächen holen; eine Wasserpumpe wurde erst sehr viel später installiert.

In den Unterkünften wurden auch Werkzeuge und Arbeitsmaterialien gelagert, darunter auch Dynamit. Am 14. März 1894 führte da zu einem tödlichen Unfall, als der Steinbrucharbeiter Hugh Roberts das Dynamit für den Tagesgebrauch auftauen wollte, und dieses in seiner Hand explodierte. Er war sofort tot, und dass er das einzige Todesopfer blieb, lag nur daran, dass die anderen Arbeiter bereits kurz vor ihm zur Arbeit aufgebrochen waren.
Im Schnitt gab es 3,23 tödliche Unfälle pro tausend Arbeiter – in Anbetracht dessen, dass jedes Jahr rund neunzig Tonnen Sprengstoff zum Einsatz kamen, wirkt das auf den ersten Blick nicht viel, aber das waren mehr, als bei Arbeiten im Kohlebergbau. Insgesamt gab es im Steinbruch aber so viele Unfälle, dass dort ein eigenes Hospital betrieben wurde. Viele Arbeiter litten zudem an Silikose (Quarzstaublunge). Diese Erkrankung der Lungen wurde von der britischen Regierung erst 1979 nach langem Kampf als Berufskrankheit anerkannt. Dann erst erhielten Betroffene eine Kompensationszahlungen.

Die Angelsey Barracks waren nicht die einzigen Unterkünfte im Steinbruch – sie gehörten zu den besseren. Auf rund 230 Höhenmetern gelegen, waren sie vergleichsweise gut erreichbar. Einzelne Hütten waren über den gesamten Steinbruch verteilt; an weit unwirtlicheren und am schwer zugänglicheren Orten. Zu den höchstgelegenen gehörten jene auf der Aberdaron-Galerie – 600 Meter über dem Meeresspiegel, und damit noch deutlich kälter und garstiger gelegen.
Penrhyn Castle: Die nicht ganz so grauenhaften Lebensbedingungen der Steinbruchbesitzer …
An dieser Stelle einen kurzer Abstecher nach Penrhyn Castle. Penrhyn Slate Quarry, nur wenige Meilen nordwestlich vom Dinorwig Slate Quarry, war der größte Schiefersteinbruch der Welt. Der Besitzer, George Hay Dawkins-Pennant oder, kürzer, Baron Penrhyn, machte ein Vermögen mit jamaikanischen Zuckerrohrplantagen und walisischem Schiefer. Von diesem Geld ließ er ab 1821 den Familiensitz umbauen. Während die Steinbruchrbeiter in kalten, engen Hütten hausten, lebte der Steinbruchbesitzer im zweitgrößten britischen Schloss – nur Windsor Castle hat mehr Wohnfläche.

Das Schloss war mit allem Komfort und Luxus ausgestattet: Goldene, verzierte Decken, seidene Tapeten, teure Teppiche, Gemälde von Rembrandt und ein Treppenhaus, an dessen feinen Verzierungen Steinmetze mehr als zehn Jahre arbeiteten. Dazu eigene Räume für den Zeitvertreib der Damen (Sticken und Malen) und Herren (Billiard und Rauchen) und ein prunkvolles Esszimmer für Empfänge.
Baron Penrhyns Schwiegersohn Edward Douglas, Erbe von Titel, Steinbruch, Ländereien und Schloss, ließ 1859 anlässlich des Besuchs von Queen Victoria ein Bett aus Schiefer bauen – ein tonnenschweres, einzigartiges Zeichen seines Schiefer-Reichtums. Die Queen weigerte sich allerdings, in dem Bett zu schlafen – es hatte ihr wohl zu sehr den Charakter eine Gruft. Heute ist es ein skurriles Prunkstück in einem Schloss, das mit Prunk wahrlich nicht geizt.

Zurück nach Dinorwig: Mit Schrägaufzügen unterwegs
Wir sind derweil weiter aufgestiegen – nicht in Sachen Adelstitel, sondern im Dinorwig Slate Quarry. Wir folgen der Spur eines aufgelassenen Schrägaufzugs und erreichen ein ebenfalls aufgelassenes Trommelhaus. Schrägaufzüge dienten zum Materialtransport zwischen den Galerien des Steinbruchs, der sich über mehr als fünfhundert Höhenmeter erstreckt. Die Bahnen bewältigten Steigungen bis zu 72 Prozent und gehörten damit zu den steilsten der damaligen Zeit.

Volle Transportkisten bzw. Förderwagen wurden auf waagrechte Plattformen geschoben – diese glichen die Schräge des Geländes aus und liefen auf Schienen.

Das Konzept der Schrägaufzüge war einfach und nutzte die Schwerkraft. Am oberen Ende von zwei parallel laufenden Gleisen stand ein großes Trommelhaus. Die schweren, beladenen Wagen zogen auf dem Weg nach unten die leeren, leichteren Wagen wieder nach oben. Gebremst wurde über eine Bandbremse an der Seiltrommel.


Die Eisenbahn im Steinbruch
Auf den Galerien des Steinbruchs waren ab 1870 Lokomotiven im Einsatz. Diese brachten das Gestein zu den Schrägaufzügen oder zu den Abraumhalden.

Die verwendeten Lokomotiven waren klein, wogen nur wenige Tonnen und konnten auch auf provisorisch verlegten Schienen mit engen Radien fahren. Waren in den ersten Jahren noch De-Winton-Lokomotiven mit stehendem Kessel im Einsatz, so setzten sich bald die leistungsfähigeren Tenderlokomotiven des Lokomotivenbaurers Hunslet durch. Mit der Alice Class baute die Firma eine speziell für den Dinorwig-Steinbruch entwickelte eigene Klasse von kleinen Lokomotiven. Alle 21 Exemplare sind erhalten geblieben und werden heute teilweise touristisch genutzt.

Für gewöhnlich verrichteten die Lokomotiven ihren Dienst nur auf einer Galerie, da es recht aufwendig war, sie mit den Schrägaufzügen zwischen den Ebenen zu transportieren. Auf den meisten Ebenen gab es kleine Lokschuppen und Werkstätten – eine davon auf 567 Höhenmeter und damit der höchstgelegene Lokschuppen Großbritanniens. Für größere Reparaturen mussten die Loks ins Tal. Große Steinbrüche betrieben dort eigene Lokschuppen, Bahnlinien und sogar Verladehäfen.
Exportgut Dachziegel: Blüte und Niedergang des Schieferabbaus
Von den Häfen wurde der Schiefer in die ganze Welt transportiert. Hauptexportgut waren Dachschindeln und Bodenplatten. Ab 1794 erhob die britische Regierung zwanzig Prozent Steuer auf Schiefer, der im Inland verkauft aber über Küstenhäfen transportiert wurde. Das machte walisischen Schiefer kaum noch konkurrenzfähig, da Schiefer aus England größtenteils über die Kanäle verschifft wurde. Die walisischen Steinbruchbetreiber lieferten daher vermehrt nach Europa und in die USA. Walisischer Schiefer findet sich zum Beispiel auf dem Dach des Kölner Doms. Auch nach dem verheerenden Stadtbrand von Hamburg 1842 kam Schiefer aus Wales zum Einsatz.

Der Schieferabbau in Wales erreichte seinen Höhepunkt zwischen 1831 und 1878. Mehr als 17.000 Arbeiter waren in den walisischen Steinbrüchen beschäftigt; die Abbaumenge lag bei rund 500.000 Tonnen jährlich. Die Ertäge machten fast die Hälfte des walisischen Bruttosozialprodukts aus und machten den Schieferabbau zum wichtigsten Industriezweig neben dem Kohleabbau.
Von der Schieferindustrie profitierten auch andere Wirtschaftszweige: Eisenbahnen, Zulieferer und Schiffbau etwa – in Porthmadog wurden zwischen 1836 und 1880 mehr als zweihundert Schiffe gebaut.

1879 war die Wachstumsphase vorbei, die Rezession schlug zu. Die Steinbruchbesitzer verschärften die Arbeitsbedingungen. Im Oktober 1885 führten Auseinandersetzungen über gestrichene Urlaubstage im Dinorwig Slate Quarry zur Aussperrung der Arbeiter. Es kam vermehrt zu Streiks, die sich in manchen Steinbrüchen jahrelang hin zogen.
Die Arbeiter verloren und waren letztlich genötigt, ihre Arbeit wieder aufzunehmen – zu noch schlechteren Bedingungen. Die ohnehin große Kluft zwischen Arbeitern und Steinbruchbestizern vertiefte sich und hinterließ viele bittere Gefühle in der Region.
Bis zum Ende des zweiten Weltkriegs erlebte der Schieferabbau ein paar erfolgreiche Jahre, ging in Summe aber kontinuierlich zurück. 1945 wurden in ganz Wales noch 70.000 Tonnen Schiefer abgebaut – weniger, als zur Hochzeit im Dinorwig Slate Quarry allein. 1958 sank die Fördermenge auf 54.000 Tonnen – einer nach dem anderen wurden die Steinbrüche aufgegeben. 1970 lag die Fördermenge bei nur noch 22.000 Tonnen, die Zahl der Beschäftigen lag bei unter tausend.

Arbeitslosigkeit und Weltkulturerbe: Folgen der Steinbruch-Schließungen
Die Schließung der Steinbrüche führte zu Arbeitslosigkeit, Abwanderung und einem Rückgang der Bevölkerung. Es gab weniger Beschäftigungsalternativen, und junge Menschen zogen weg, um anderswo Arbeit zu finden. Zurück blieben Ruinen, Abraumhalden und rostendes Gerät – stumme Zeugen einer lauten, harten und gefährlichen Industrie.

Heute ist der Schieferabbau eine Nischenproduktion für hochwertige Dach- und Bodenbeläge. In einem Teil des Penrhyn-Steinbruchs wird auch heute noch Schiefer abgebaut – in deutlich geringerem Umfang als vor 150 Jahren.

Die Schieferlandschaft von Nordwestwales ist seit 2021 UNESCO-Welterbe. Sie umfasst die sechs Abbaugebiete
- Penrhyn Slate Quarry and Bethesda and the Ogwen Valley to Port Penrhyn
- Dinorwig Slate Quarry Mountain Landscape
- Nantlle Valley Slate Quarry Landscape
- Gorseddau and Prince of Wales Slate Quarries, Railways and Mill
- Ffestiniog: its Slate Mines and Quarries, ‘city of slates’ and Railway to Porthmadog
- Bryneglwys Slate Quarry, Avergynolwyn Village and the Talyllyn Railway
Auch die Infrastrukturen gehören dazu: Bahnlinien, Häfen, Schiefermühlen, Werkstätten und Unterkünfte. Im Dinorwig Slate Quarry ist heute das National Slate Museum untergebracht.

Wer in der Snowdonia-Region wandert, findet überall Spuren des Schieferabbaus: überwucherte Bahngleise, Häuserruinen, rostige Gerätschaften und natürlich die riesigen Abraumhalden. Eine surreal-friedliche Landschaft mit lichten Eichenbeständen über dunklem Stein.





TIPP: Weitere Bilder und Informationen gibt’s in unserem Video auf dem Libellius-YouTube-Kanal. Wenn es euch gefällt, freuen wir uns über Likes, Kommentare und Abonennten.



