Die Nachbarn meiner Oma hatten eine Hollywoodschaukel. Bunt geblümt und leise quietschend, wenn die Hausherrin drin saß und in einer Illustrierten blätterte. Bei uns hätte die Hollywoodschaukel vermutlich laut gequietscht, aber wir Kinder durften sie nicht benutzen. (Man weiß ja, wie Kinder sind, mit ihren dreckigen Füßen und ihrem Rumgehampel …) Nur einmal gab es eine Sondergenehmigung. Ausnahmsweise und unter strenger Aufsicht.
Das Paradies in der Nussschale

Da saßen wir dann – nebeneinander aufgereiht auf weichen Polstern, den geblümten Baldachin über uns, unsere Rücken durchgedrückt, zaghaft mit den Beinen baumelnd. Wir hielten vor Aufregung die Luft an und schwiegen andächtig. Das war fast wie in der Kirche, nur besser. Viel besser. Eine bunt geblümte Glückshülse der Geborgenheit, in der wir das Gefühl hatten, etwas ganz Besonderes zu sein.
Ohne, dass es uns jemand erklären musste, wussten wir, was der Österreichische Bundespräsident Adolf Schärf 1964 bei der Eröffnung der Wiener Gartenschau meinte, als er die zahlreich übers Ausstellungsgelände verteilten Hollywoodschaukeln als „Paradies in der Nussschale“ bezeichnete.

Was ich damals noch nicht wusste: Hollywoodschaukeln sind spießig! Diese niederschmetternde Tatsache erfuhr ich von meinen Eltern, denn unglücklicherweise waren sie dem Zeitgeist ein paar Jahre voraus und hatten den Image-Wandel der Hollywoodschaukel gedanklich längst vollzogen.
Bevor die Hollywoodschaukel zum Inbegriff des Kleinbürgertums wurde, war sie der Inbegriff der Weltoffenheit. Ihr Imagewandel war drastisch und vollzog sich dummerweise genau während meiner Kindheit in den späten 70ern und frühen 80ern. Doch der Reihe nach.
Amerikanischer Glamour im heimischen Garten
Die Vorläufer der Hollywoodschaukel kommen aus zwei Richtungen: Bereits um 1900 boten europäische Holzmöbelhersteller ein „Hängebett mit Dach“ an. Dabei handelte es sich um eine Hängematte an einem mit Stoffdach versehenen Gerüst. Die Mischung aus Hängematte und Himmelbett war „für Gesunde und Kranke geeignet“ und „höchst wichtig für Landhäuser, Hotels, Curorte und Spitäler“.

Auf der anderen Seite des Atlantiks gehörte eine Veranda zur Grundausstattung eines ordentlichen amerikanischen Hauses – und zur Veranda gehörte die „porch swing“, die „Veranda-Schaukel“. Die oft zwei- oder mehrsitzige Schaukel war fest unter dem Verandadach montiert, möglichst so, dass sich das Geschehen auf der Straße und in der Nachbarschaft bequem beobachten ließ.
Zwischen 1880 und 1920 verfügte nahezu jede amerikanische Veranda über eine solche Schaukel. Bis heute ist die „porch swing“ vielerorts noch zu finden – und sie ist in vielen Filmen zu sehen. Auf der Verandaschaukel werden Familiengeheimnisse erzählt, Heiratsanträge gemacht, schlechte Neuigkeiten schweigend verarbeitet, Entscheidungen getroffen oder einfach nur Smalltalk gehalten.
Vergnügen und Gesundheit: Schaukeln zur Entschleunigung
Ziel beider Vorläufer war die Entwicklung eines beweglichen Möbelstücks, das einen wettergeschützten Aufenthalt an der frischen Luft ermöglichte. Die Entwickler der Hollywoodschaukel hatten dabei nicht nur das Vergnügen im Kopf: Das Sitzmöbel sollte auch therapeutischen und gesundheitlichen Zwecken dienen.
Die beruhigende Wirkung der sanften Schaukelbewegungen stellte ein willkommenes Gegengewicht zur vielerorts beklagten Beschleunigung des Alltagslebens und der zunehmenden Reizüberflutung dar. Schon damals suchten Menschen nach Entschleunigung – und fanden sie auf Schaukeln.

Die endgültige Herausbildung der Hollywoodschaukel in ihrer heutigen Form (freistehendes, überdachtes Gerüst mit Schaukelbank) vollzog sich nach dem ersten Weltkrieg. Damals war das neuartige Gartenmöbel im englischsprachigen Raum unter „garden swing“ bekannt, im deutsschprachigen als „schwingende Gartenbank“. Ende der 1920er vertrieb die Berliner Firma Caspary erste Hollywoodschaukeln unter dem Produktnamen „Wiegente“ – und mit dem Slogan: „Jeden Tag Ferien!“
Der Luxus einer solchen Hollywoodschaukel war damals den begüterten Gesellschaftsschichten vorbehalten. Nur gut Betuchte konnten sich die hohen Anschaffungskosten leisten, und nur sie hatten ausreichend Zeit und Muße, sich dem Genuss des Schaukelns überhaupt hinzugeben. Die Hollywoodschaukel war ein Statusobjekt, in dem sich die damalige Oberschicht gerne fotografieren ließ.
Swinging Sixties – die Hollywoodschaukel und der American Way of Life

Wirklich populär wurde die Hollywoodschaukel erst nach dem zweiten Weltkrieg. Die erfolgreichen Jahre des Wiederaufbaus und das stabile Wirtschaftswachstum ermöglichten ein Aufatmen – die erzwungene Bescheidenheit der Nachkriegszeit ging zu Ende, und bisher unerreichbare Luxusgüter wurden erschwinglich. Dazu gehörte auch die Hollywoodschaukel, die erst jetzt diesen Namen erhielt. In den 50ern und 60ern verbreitete sich die Hollywoodschaukel und strahlte Optimismus und Stolz auf das Erreichte aus.
Immer häufiger tauchte das Gartenmöbel auch in Filmen auf. Interessanterweise waren es dabei nicht so sehr Hollywoodproduktionen, die das Image der Hollywoodschaukel prägten, sondern die damals weit populäreren Heimatfilme wie etwa „Wenn der Toni mit der Vroni„, in dem Peter Alexander seiner Angebeteten in einer Hollywoodschaukel („auf Raten!“) ein Ständchen singt.
Dennoch wurden die Schaukeln mit den bunt gemusterten Baldachinen zum Inbegriff des „American Way of Life“ und zum Ausdruck eines erträumten Lebensstils der Prominenz: exklusiv, mondän, modern, weltoffen.
Jedem Garten seine Hollywoodschaukel

Einen echten Boom erlebte das Gartenmöbel zu Beginn der 70er, und spätestens in der Mitte des Jahrzehnts fand sie eine Nische in beinahe jedem Garten. Wochenschauen und Illustrierte zeigten Bilder von reichen, glücklichen Menschen, die unbeschwert in den Tag hinein schaukelten. Prominente wie Marilyn Monroe ließen sich in Hollywoodschaukeln ablichten, und in Deutschland erhielt die Gartenschaukel sogar eine eigene Fernsehsendung.
In der Fernsehreihe „V.I.P.-Schaukel“ berichtete die österreichische Journalistin Margret Dünser von der High Society in aller Welt und interviewte ihre Gesprächspartner in privater Atmosphäre – gerne auch in der namensgebenden Hollywoodschaukel. Zu ihren Gästen gehörten unter anderem John Wayne, Robert Redford, Salvador Dali und das thailändische Königspaar.
Von „weltoffen“ zu „spießig“ – Imagewandel in den 80ern

Der Höhenflug der Hollywoodschaukel war kurz. Schon in den Achtzigern wandelte sich ihr Image, und die Schaukel verlor ihren Glanz. Zu der Zeit, als ich als Kind andächtig und stocksteif in einer Hollywoodschaukel einen Glücksmoment erlebte, galt das Gartenmöbel bei vielen (leider einschließlich meiner Eltern, die sich niemals so eine „Peinlichkeit“ in den Garten gestellt hätte) bereits als unmodern, kleinbürgerlich und ebenso spießig und borniert wie ein Gartenzwerg.
Wie es zu dem Imagewandel kam, ist unklar. Klar ist, dass die Hollywoodschaukel ebenso schnell von den Terrassen und aus den Gärten verschwand, wie sie sich ausgebreitet hatte. Erst seit einigen Jahren erlebt die quietschbunte Hollywoodschaukel im Zuge der immer wieder aufflackernden Retro-Begeisterung eine kleine Renaissance.
Daneben wird die Hollywoodschaukel auch als Designmöbel entdeckt – mit neuen Modellen in zurückhaltenden Farben und schlichtem Stil muss man kein Spießer und kein Retro-Fan sein, um sich das stille Glück beschaulichen Schaukelns in den Garten zu holen. Denn das ist bis heute gleich geblieben: Die Schaukelbewegung im geschützten Kokon einer Hollywoodschaukel beruhigt und entschleunigt ausgesprochen effektiv.
Ich gehe jetzt schaukeln!






