Die Levadas sind das Aushängeschild Madeiras. Mehr als dreitausend Kilometer der schmalen Wasserwege gibt es – auf einer Insel, die nur 57 km lang und 22 km breit ist. Ihr Bau geht bis ins 15. Jahrhundert zurück und führt uns durch einige düstere Kapitel der Inselgeschichte.
Sturm und Vergessen: Madeiras Entdeckung

Alles beginnt 1418 mit einem Sturm, in den eer portugisiesche Seefahrer João Gonçalves Zarco vor der Küste Afrikas gerät. Eigentlich will er ganz woanders hin, aber Wind und Wellen treiben ihn weit hinaus in den Atlantik.
Nach Tagen des Herumirrens entdeckt er eine Inselgruppe. Streng genommen ist es keine Entdeckung, sondern eine Wiederentdeckung, denn die Inseln wurden bereits im 6. Jh. vor Christi von den Phöniziern entdeckt und im Verlauf der Jahrhunderte immer wieder in der Geschichtsschreibung erwähnt – unter anderem bei Plinius der Ältere, der von „Atlantis“ berichtet.

Die Inselgruppe ist auch auf der Medici-Karte von 1351 eingezeichnet, und es wird davon ausgegangen, dass Seefahrer auf dem Weg von und zu den Kanaren regelmäßig hier Halt machten. Hinweise auf längere Anwesenheit oder gar eine Besiedelung gibt es aber nicht. Im Gegenteil: Die Inseln geraten in Vergessenheit, bis Zarco sie wiederfindet.

Er landet auf einem ziemlich kleinen Eiland, das er als Dank für die Rettung „Porto Santo“ nennt – „Heiliger Hafen“. Die nebelverhangene Landmasse am Horizont erkundet er nicht: Sie soll ihm zu unheimlich gewesen sein. Bevor er wieder zurück nach Portugal segelt, lässt er auf Porto Santo einige Kaninchen frei und löst eine Kaninchenplage aus, von der sich das Ökosystem der Insel bis heute nicht erholt hat.
Zurück in Portugal berichtet er dem König von der Entdeckung. Der erkennt den strategischen Wert der Inseln und schickt Zarco postwendend zurück, um sie für Portugal in Besitz zu nehmen und zu besiedeln. Eine gute Entscheidung, denn mit der Endteckung Amerikas Ende des Jahrhunderts wird Madeira zum Sprungbrett in die neue Welt.
Feuer und Flamme: Madeiras Urbarmachung
1419 kehrt Zarco also zurück, erkundet die Nebelbank und findet eine Insel, „so dicht bewaldet, dass man kaum einen Platz fand, um den Fuß auf den Boden zu stellen“, wie ein Zeitgenosse es später beschreibt. Zarco selbst sieht keine Wälder – er sieht Rohstoffe, und nennt die Insel „Holz“. Auf portugiesich: „Madeira“.
Die ganze Geschichte über die Levadas von Madeira in unserer spannenden YouTube-Dokumentation.
Das kostbare Lorbeerholz wird vor allem im Schiffbau verwendet – zumindest das, was noch übrig bleibt, denn um die Insel bewohnbar zu machen, lässt Zarco die Wälder anzünden und löst damit das zweite ökologische Desaster in nur zwei Jahren aus.

Was als kontrollierte Brandrodung gedacht ist, gerät völlig außer Kontrolle. Das ölhaltige Lorbeerholz brennt wie Zunder, und die Feuer wüten sieben Jahre lang über die Insel.
Trotz der Brände beginnt bereits 1420 die systematische Besiedelung – Madeira ist damit die erste Insel außerhalb Europas, die dauerhaft von Europäern besiedelt wird.
Die Urbarmachung der Insel gestaltet sich schwierig: Das Gelände ist steil und felsig, die noch intakten Wälder so dicht, dass kein Durchkommen ist, und die Brände sind manchmal so heftig, dass die Siedler tagelang im Meer ausharren, um den Flammen zu entkommen.
Dennoch legen die Bauern Terrassen für Felder an, und die ersten Levadas werden gebaut. Meist sind es nur kurze, wenige hundert Meter lange Zuleitungen zu den Feldern. Das Wort „Levada“ kommt vom portugiesischen „levar“, was so viel wie „transportieren, tragen, führen“ heißt.
Das weiße Gold: Das Zuckerrohr erobert die Insel
Auf Geheiß des portugiesischen Prinzen Heinrich der Seefahrer werden schon kurz nach der Entdeckung Madeiras Zuckerrohr-Schösslinge aus Sizilien auf die Insel gebracht. Das ganzjährig milde Klima ist perfekt für den Anbau, die Asche macht die ohnehin fruchtbaren, vulkanischen Böden noch fruchtbarer. Zucker ist ein Luxusgut, und Investoren vom Festland wittern hohe Profite mit dem „weißen Gold“.

Weniger geeignet ist Madeiras Topografie: Nord- und Zentralmadeira sind regenreich, oft nebelverhangen und zudem extrem steil und unwegsam. Das macht sie für den Zuckerrohranbau in größerem Stil ungeeignet. Der Süden ist deutlich sonniger und flach genug für größere Terrassen. Die Brandrodung hat Platz geschaffen, aber auch ein bereits bestehendes Problem drastisch verschärft: Den Wassermangel, denn Wasser gibt es auf Madeira zwar reichlich, allerdings sehr einseitig verteilt.
Die zentrale Gebirgskette trennt die Insel klimatisch in zwei Bereiche – Regen fällt überwiegend im Norden, kaum im Süden. Durch die unterirdische Schichtung des vulkanischen Gesteins fließt das Wasser zudem überwiegend nach Norden ab – auch, wenn es im Süden fällt.

Die dichten Lorbeerwälder dienten als Feuchtigkeitsspeicher und glichen vieles von dem Ungleichgewicht aus. Nach der großflächigen Vernichtung dieser Wälder ist der Süden kahl, und der Boden trocknet aus.
Die Lösung für das Problem klingt auf dem Papier einfach: Kanäle sollen das Wasser aus dem Zentrum und Norden der Insel in den Süden bringen, um den extrem wasserintensiven Zuckerrohranbau zu ermöglichen. In der Praxis beginnt damit das beeindruckendeste Bauprojekt in der Geschichte der Insel – der Bau der Levadas.
Levadabau im 15. Jh und 16. Jh: Zwangsarbeit und Sklaverei

Die Levadas sind nicht einfach nur schnöde Kanäle – sie sind die Lebensadern Madeiras und eine technische Meisterleistung. Über viele Kilometer führen sie das Wasser durch extrem unwegsames und steiles Gelände.
Das Gefälle liegt dabei konstant bei ein bis drei Prozent. Das sind wenige Zentimeter auf hundert Meter. Um das zu erreichen, folgen die Levadas konsequent den Höhenlinien – komme, was da wolle. Die Kanäle werden in (fast) senkrechten Felswänden gebaut und durch Tunnel getrieben.
Den Portugiesen des 15. Jh. fehlt das technische Know-How dafür, aber sie wissen, wo sie es herbekommen: Von den Mauren. Diese bauen und betreiben schon jahrhundertelang komplexe Bewässerungssysteme in Südspanien („Al-Andalus“, heutiges Andalusien) und in Nordafrika. Sie haben Erfahrung mit dem Bau, auch in Gebirgsregionen.
Da sich Portugal in einer Phase intensiver militärischer Expansion nach Nordafrika befindet, werden bei den Konflikten und Raubzügen entlang der marokkanischen Küste tausende muslimische Einwohner – von den Europäern pauschal als „Mauren“ bezeichnet – gefangen genommen, verschleppt und versklavt.
Die Mauren gelten als handwerklich geschickter und landwirtschaftlich versierter als andere Sklavengruppen. Gouverneure und reiche Großgrundesitzer kaufen daher gezielt maurische Gefangene auf den Sklavenmärkten in Lissabon oder von den Militärkommandanten in Nordafrika. In Stätden wie Funchal gibt es eigene Maurenviertel.

Das Fachwissen macht die Mauren wertvoller als andere Sklaven – es führt aber nicht zu besserer Behandlung. Während Sklaven von den Kanaren (Guanchen) und aus Guinea für die harte Arbeit auf den Zuckerrohrfeldern eingesetzt werden, übernehmen die Mauren die Planung und die besonders gefährlichen Arbeiten beim Bau der Levadas benutzt. Sie sind „menschliches Kapital“, das möchlichst effektiv ausgebeutet wird.

Die Arbeitsbedingungen auf den Feldern sind hart – im Levadabau sind sie lebensgefährlich. In schwierigen Teilbereichen werden die Arbeiter in Weidenkörben an den Felswänden abgeseilt. An Hanfseilen gesichert arbeiten sie hunderte Meter über dem Abgrund, schlagen von Hand Löcher in den Fels, verankern hölzerne Rinnen oder meißeln und graben schmale Kanäle aus dem Fels.
Erdrutsche, Steinschlag und reißende Sicherungsseile sind an der Tagesordnung – der Tod ist ein ständiger Begleiter. Offizielle Zahlen gibt es nicht. Die Rede ist von „Tausenden“ toten Sklaven, Strafgefangenen und Zwangsarbeitern.
Die Levadas sorgen für den Aufschwung des Zuckerrohranbaus. Madeira „erfindet“ das auf Sklavenarbeit basierende Plantagensystem, und exportiert es später erfolgreich in die neue Welt. Dort wird es so professionalisiert, dass Madeira bereits im 16. Jh. seine Vormachtstellung im Zuckerhandel verliert.

Wasserrechte und Levadeiros: Die Levadas im 17. bis 19. Jahrhundert

Die Böden sind ausgelaugt, die Konkurrenz aus Übersee erdrückend – auf Madeira löst der Wein den Zucker ab. Die Levadas werden tiefer in die Berge getrieben, denn auch der Weinanbau ist wasserintensiv. Die Sklaven, die auf den Feldern nicht mehr gebraucht werden, werden nach Mittelamerika verkauft. Einige wenige kommen frei. Die Mauren haben in dieser Hinsicht eine Sonderstellung: Sie können leichter frei gekauft werden.
1761 verbietet ein Dekret den Import von Sklaven nach Madeira – nicht aus humanitären Gründen, sondern weil die Arbeiter in den brasilianischen Kolonien dringender gebraucht werden. Ab 1773 gelten Kinder, die von versklavten Müttern geboren werden, als frei. 1775 wird die Sklaverei vollständig aufgehoben. Ab diesem Zeitpunkt gilt die Insel als sklavenfrei, und die Arbeit an den Levadas wird von Strafgefangenen und bezahlten Arbeitern übernommen.
Je mehr Levadas gebaut werden, und je mehr Parteien das Wasser benötigen, um so wichtiger werden klar formulierte Nutzungsrechte. Bereits 1493 hatte König Manuel I. das Wasser zum öffentlichen Gut erklärt: Jeder hat das Recht auf Wasser, und niemand darf eine Levada oder einen Bachlauf für sich alleine beanspruchen. Die Wasserrechte werden mündlich ausgehandelt, teilweise auch schriftlich. Sie werden vererbt, geteilt, verkauft, und es kommt immer wieder zu Streit.
Feste Zeitpläne (Giros) gewinnen an Stellenwert – in ihnen wird penibel festgehalten, welcher Bauer wann aus welcher Levada wie lange Wasser auf seine Felder leiten darf. Wasserrichter (Juízes da Água) werden eingesetzt. Sie lösen rechtliche Konflikte, teilen Wasserrechte zu und verhängen Strafen an Wasserdiebe. Die Verantwortung für die praktische Einhaltung der theoretischen Regeln liegt bei den Levadeiros.

Diese „Hüter des Wassers“ wandern täglich an „ihrer“ Levada entlang, entfernen Schlamm, Steine und heruntergefallene Äste, damit das Wasser ungehindert fließen kann. Sie führen kleinere Reparaturen direkt selbst aus, und sorgen dafür, dass größere ausgeführt werden. Die Levadeiros sind auch für das Öffnen der Schleusen zuständig: Nur sie haben offiziell das Recht (und den Schlüssel) für die Schleusentore.
Neben der körperlichen Arbeit haben Levadeiros auch diplomatische Aufgaben: Sie schlichten Streitigkeiten, und ihr Wort hat Gewicht – oder auch mal ihr Stock, wenn es gar nicht anders geht. Außerdem führen sie Wasserdiebe ihrer Bestrafung zu (oder übernehmen diese selbst).
Während die Wasserrichter meist angesehene Bürger, Juristen oder vom König ernannte Beamte sind, stammen die Levadeiros aus der einfachen lokalen Bevölkerung. Der wichtigste Anspruch an beide ist, dass sie absolut verlässlich und unbestechlich sind. Entsprechend hoch ist auch die Wertschätzung, die den beiden Berufstgruppen entgegen gebracht wird – bis heute.
Wasserkraft und Staatsgewalt: Levadabau im 20. Jahrhundert
1938 startet die portugiesische Regierung einen umfassenden Plan zur Elektrifizierung und Bewässerung der Insel. Ab 1940 beginnt die „goldene Ära“ des Levada-Baus. Moderne Kanäle wie die Levada do Norte oder die Levada dos Tornos (mit über 100 km Länge die längste der Insel) werden fertiggestellt. Der Bau und der Betrieb der Levadas liegt nun in staatlicher Hand.

Ab den 1950ern verlagert sich der Schwerpunkt zusätzlich auf die Gewinnung von Wasserkraft: 1953 wird in Serra de Água das erste Wasserkraftwerk in Betrieb genommen. Das erste große Wasserkraftwerk der Insel nutzte das enorme Gefälle des zentralen Tals. Durch die jüngste Moderinisierung (2024) ist es bis heute eines der effzientesten Werke zur Netzregulierung.
Das steile Relief und das dichte Levada-Netz machen Madeira ideal für die Erzeugung von Strom aus Wasserkraft. Der staatliche Energieversorger EEM (Empresa de Electricidade da Madeira) betreibt auf der Insel ein System aus mehreren großen Wasserkraftwerken (Centrais Hidroelétricas) und kleineren Flusskraftwerken.Wasserkraft liefert auch heute einen sehr wichtigen Beitrag zum Ziel der Insel, den Anteil erneuerbarer Energien massiv auszubauen.
Sãozinha und der Aufstand des Wassers

1962 kommt es zu einem tragischen Streit um die Wasserrechte. Zum Betrieb eines weiteren Wasserkraftwerks soll in Lombada, einem Teil der Gemeinde Ponta do Sol, die Levada Nova gebaut werden. Dafür soll das Wasser der bestehenden Levada Moinho umgeleitet werden. Die Bauren vor Ort fürchten um ihre Ernte und ihre Lebensgrundlage, da ihnen durch die Umleitung das traditionell zugesicherte Wasser entzogen würde.
Die Bevölkerung weigert sich, die Umleitung zu akzeptieren. Ab Mai 1962 kampieren Männer, Frauen und Kinder wochenlang direkt an der Levada, um die Arbeiter des Staates daran zu hindern, die Wehre umzustellen. In den frühen Morgenstunden des 21. August eskaliert die Situation.

Die Salazar-Diktatur entsendet zweihundert Polizisten. Schwer bewaffnet umzingeln sie die Dorfbewohner. Als diese mit Muschelhörnern Alarm schlagen, prügeln die Beamten mit den Gewehrkolben auf die Demonstranten ein und eröffnen das Feuer auf die unbewaffnete Menge. Die 17-jährige Belmira da Conceição, „Sãozinha“ genannt, wird von einer Kugel tödlich am Kopf getroffen. Zahlreiche Bauern werden verletzt, Dutzende inhaftiert.
Für die Polizisten hat der Vorfall keine Konsequenzen – die diktatorische Regierung versucht, den Vorfall totzuschweigen. Die kämpferischen Einwohner von Ponta do Sol setzen sich auch dagegen zur Wehr. Bemerkenswerterweise führt der anhaltende Widerstand und die spätere juristische Aufarbeitung (trotz der Diktatur) dazu, dass den Bauern der Lombada ihre Wasserrechte schließlich gerichtlich wieder zugesprochen werden.
Sãozinha wird für die Menschen auf Madeira zur Märtyrerin. Heute erinnert eine Gedenktafel in Ponta do Sol an den „Aufstand des Wassers“ und das junge Mädchen, das dabei ihr Leben verlor. Es gilt als einer der seltenen Momente, in denen sich die einfache Landbevölkerung erfolgreich gegen die „Estado Novo“-Diktatur auflehnte.
Wandern entlang der Levadas

In den 1970ern und 80ern vollzieht sich die Transformation der Levadas von reinen Nutzwasserkanälen zu einem professionell vermarkteten Wanderparadies. Ursprünglich waren die schmalen Pfade neben den Kanälen (Passadeiras) rein für die Wartung durch die Levadeiros gedacht. Mit der Eröffnung des internationalen Flughafens (1964) kommen vermehrt Touristen auf die Insel. Individualreisende und Wanderpioniere entdecken Madeira für sich.
In dieser Zeit gibt es noch keinerlei Schilder, Sicherungen oder andere touristische Infrastruktur. Das Wandern ist ein Abenteuer, das einen guten Orientierungssinn erfordert – oder einen guten einheimischen Guide.
Um Schäden durch unkontrolliertes Wandern einzudämmen und die Sicherheit zu erhöhen, greift die Regionalregierung ab den 1990ern aktiv ein. Gefahrenstellen werden mit Geländern versehen, Tunnel werden passierbarer gemacht und Erdrutsche systematisch geräumt.

Das standardisierte System der PR-Wanderwege (Pequena Rota / Kleine Route) wird eingeführt. Die typischen rot-gelben Holzschilder und offiziellen Nummerierungen (wie PR6 – Levada das 25 Fontes oder PR9 – Levada do Caldeirão Verde) stammen aus dieser Zeit.
Ab der Jahrtausendwende wird das „Levada-Wandern“ zum offiziellen Markenzeichen und wichtigsten Verkaufsargument des Madeira Tourism Board. Das Wandern entwickelt sich von einer Nischenaktivität zum Hauptgrund für Reisen nach Madeira.
Heute koordiniert das Institut für Wälder und Naturschutz (IFCN) das Wegenetz. Die Vermarktung ist inzwischen so professionell, dass für stark frequentierte Routen Online-Registrierungen und kleine Wandergebühren (ca. 4,50 €) eingeführt wurden. Die Einnahmen werden zweckgebunden eingesetzt, um den Verschleiß auszugleichen, den die jährlich Hunderttausenden Wanderer verursachen.
Der Erhalt und die Wartung der Levadas und der begleitenden Wanderwege kostet im Jahr zwischen zehn und zwanzig Millionen – je nachdem, ob größere Bauprojekte oder Reparaturen nach Unwettern und Hangrutschungen notwendig sind.





