Galionsfigur (Löwe) der Kalmar Nyckel

Schiffs-See­le Galions­figur: Die „Gorch Fock“ als großer Ver­lierer

11.05.2026

Galionsfiguren waren die Seele ihres Schiffes, behielten den Kurs im Auge, be­schützten das Schiff und schüchterten Feinde ein. Ihr Verlust brachte Unglück.

Eigentlich sollten die hölzernen Figuren an der „Galion“, einer Art Balkon am Bugspriet von Segelschiffen, ihre Schiffe vor Gefahren schüt­zen. Doch manche Galionsfigur war selbst eine Gefahr.

Niobe, die männermordende Galionsfigur aus der „Blech­trommel“

Galionsfigur Queen Charlotte, Portsmouth Historic Dockyard, Großbritannien
Nur selten hat man die Gelegenheit, einer Galionsfigur in die Augen zu sehen. Die Bugdame der „HM Queen Charlotte“ ist zum Glück weit ungefährlicher als die verstandesraubende Niobe ..

Die atemberaubende „Niobe“ etwa war ein wahrer Unglücksbringer – die glutäugige Bug­dame soll nicht nur an verlorenen Schlachten und am Kentern ihres Schiffs schuld ge­we­sen sein, sondern selbst dann noch Unfrieden und Unfälle provoziert haben, als sie längst im Mu­seum stand.

Mit verklärtem Blick töteten sich gestandene Mannsbilder zu Füßen der exo­tischen Schönheit.

Noch 1959 macht Günter Grass in seinem Roman „Die Blechtrommel“ die un­heil­brin­gende Niobe, „ein üppig hölzerenes Weib, das unter erhobenen Armen, die sich lässig und alle Finger zeigend verschränkten, über zielstrebigen Brüsten hinweg aus ein­ge­lassenen Bernsteinaugen geradeaussah“, für den Tod des Museumswärters Her­bert verantwortlich.

Nur dessen Freund, Oskar Mazerath, vermag es später, un­ge­straft auf den Brüsten der sündhaft schönen Figur zu trommeln.

Schon fünf Mal verlor die „Gorch Fock“ ihre Galionsfigur und ihre Seele

Galionsfigur John Benbow, Portsmouth Historic Dockyard, Großbritannien
Manche Galionsfiguren zeigten Eigner, Admiräle oder Kapitäne – so auch die HMS Benbow. Anders als der Herzog von Braunschweig stach die Büste von Vize-Admiral John Benbow aber ohne Kopfbedeckung in See, dafür mit Halstuch. Der echte Benbow hat das Schiff nie betreten – er starb 1702; mehr als hundert Jahre vor dem Stapellauf der HMS Benbow (1813).

Der Mythos um Niobe zeigt, wie viel Macht Seeleute ihrer Galionsfigur beimaßen. Vielen war sie die Seele des Schiffs, auf die es stets zu achten gab.

Als der Galions­figur der Fregatte „Brunswick“, die den Herzog von Braunschweig darstellte, im Ge­fecht der Hut vom Kopf geschossen wurde, meldete die Besatzung erregt, dass es nicht angehe, „dass der edle Lord seinen Feinden barhäuptig entgegentritt“.

Der schwer verletzte Kapitän soll daraufhin seinen eigenen Galahut zur Verfügung gestellt und die Schlacht noch vor Sonnenuntergang für sich entschieden haben.

Drohte einem Schiff der Untergang, so war es oft die Galionsfigur, die noch gerettet wurde. Wurde die Bugfigur beschädigt, galt das als großes Unglück, und Schiffe, die ihre Galionsfigur verloren, hatten es schwer, eine Crew zu finden.

Es ist ein Glück für die „Gorch Fock“, dass sie nicht im 17. oder 18. Jahrhundert, zur Hochzeit der Galions­figuren, unterwegs war: Denn wohl kaum ein Schiff hat seine Galionsfigur so oft ver­loren wie das Segelschulschiff der Deutschen Marine, das bereits seinen sechsten Alba­tros über die Weltmeere trägt.

Nackte Damen, kämpferische Löwen, Drachen: Galionsfiguren beschützten ihre Schiffe. Mit was für Figuren ließ die ägyptische Königin Hadeschesput ihre Flotte ausstatten?

Gebogene Lotosblüten.

Sphinxen aus Türkis

Einhörner aus Elfenbein.

Kleiner Tipp: Die korrekte Antwort finden Sie im Beitrag auf dieser Seite

Die Drachenköpfe der Wikingerschiffe mussten in heimischen Gewässern abgenommen werden

Galionsfigur des Segelschiffes Kalmar Nyckel
Der Löwe, Sinnbild für Stärke und Tapferkeit, blieb bis ins 18. Jh. die beliebteste Galionsfigur. Er ziert auch den Nachbau der „Kalmar Nyckel“.

Auch wenn die üppigen Damen und Meerjungfrauen vom Bug das Bild der Galionsfiguren geprägt haben, so gab es über die Jahrhunderte doch eine große Vielfalt an Galionsfigurmotiven.

In der Frühzeit der Schifffahrt waren es überwiegend göttliche Symbole und heilige Tiere, die den Bug von Schiffen zierten.

Aufgemalte Augen sollten griechischen Galeeren den Kurs weisen, Krokodile und nackte Männer beschützten römische Schiffe, und die ägyp­tische Königin Hadeschesput ließ ihre Schiffe mit gebogenen Lotosblüten ver­sehen.

Die Wikinger bevorzugten für ihre Boote den Drachenkopf. Manch einer soll (angeblich) komplett vergoldet gewesen sein. Das bemalte Schnitzwerk war nicht nur zur Einschüchterung von Feinden, sondern vor allem zur Vertreibung deren Schutzgeistern ge­dacht.

 

Drachentretboote
Nichts für echte Wikinger: Drachentretboote im Hafen von Baltimore. Die echten Drachenköpfe an den Wikinerbooten waren relativ selten – vielleicht lag das auch daran, dass es ziemlich umständlich war, sie vor dem Heimathafen jedes Mal abzunehmen, vor allem wenn sie vergoldet und damit doch arg schwer waren …

Wer die Schutzgeister vertrieb, und das Land unterwarf, galt als neuer Herrscher. Drachenboote wurden daher hauptsächlich von den Anführern benutzt und waren so furchteinflößend, dass die Drachenköpfe in den heimischen Gewässern nicht ver­wen­det werden durften, um nur ja nicht die eigenen Schutzgeister zu vertreiben.

Galionsfiguren, wie wir sie heute kennen, tauchten im 14. Jahrhundert auf, als die bauchi­gen Rundschiffe von schlankeren Galeonen abgelöst wurden, bei denen auf dem Galion, dem oberen Teil des Vorderstevens, ein Bugspriet aufgesetzt wurde, um vorne mehr Segel fahren zu können. Dort war jetzt Platz für eine Galionsfigur – Drachen, Ein­hörner oder, wie an Francis Drakes Schiff „Golden Hind“, eine vergoldete Hirschkuh. Das beliebteste Tier aber blieb bis ins 18. Jahrhundert der Löwe als Sinnbild für Stärke und Tapfer­keit.

 

Galionsfiguren, Portsmouth Historic Dockyard, Großbritannien
Von links: Der griechische Gott Apollo ersetzte 1817 die originale Galionsfigur der „HMS Apollo“. Die Galionsfigur der „HMS Carnatic“ (1823) war indischer Abstammung – die Goldketten an Hals und Turban deuten auf einen hohen Status der namenlosen Figur hin. Die Galionsfigur der „HMS Asia“ (1824) wurde in Mumbai von einem indischen Schnitzer aus heimischem Teakholz hergestellt. Die Figur erhielt im Laufe ihres Lebens etwa 45-50 verschiedene Anstriche, mit jeweils unterschiedlichen Hauttönen. Der Meeresgott Neptun war eine von mehreren Galionsfiguren der „HMS Grampus“ (1850). Das originale Design beinhaltete Delfine und Mitglieder der Grampus-Familie, aber diese sind nicht erhalten geblieben. Ganz rechts der griechische Held Bellerophon, der die Chimäre tötete und Pegasus zähmte. 1824 war er namensgebend für die „HMS Bellerophon“, die zuvor unter dem Namen „HMS Waterloo“ gesegelt war.

Schiff und Galionsfigur hatten oft einen Bezug zueinander

Galionsfigur der Rickmer Rickmers
Galionsfigur mit Bezug zum Schiff: „Rick“, der Enkel des Reeders, auf der „Rickmer Rickmers“.

Mitte des 18. Jahrhunderts kamen immer neue Formen hinzu, und manche Galionsfigur hatte einen Bezug zum Schiffsnamen: Der „edle Räuber“ Rinaldo Rinaldini zierte die „Rinaldo“, ein englisches Kriegsschiff, das Piraten bekämpfte, und „Boreas“, Gott der nördlichen Winde, zierte den Bug des gleichnamigen Schiffs.

Die „hölzernen Engel“, jene üppigen Damengestalten, die heute so bekannt sind, ka­men Anfang des 19. Jahrhunderts in Mode. Viele von ihnen waren vollbusig – aber fast ausnahmslos waren sie bekleidet, oder verbargen ihre Oberweite züchtig unter stra­te­gisch geschnitzten Haarlocken.

Dennoch regte wohl manche Bugdame die Fanta­sie junger Kadetten an. Die Hexe „Nannie“ etwa, die vom Bug der „Cutty Sark“ lächelt und dem Schiff seinen Namen gab: Das kurze Hemd.

Galionsfiguren, Portsmouth Historic Dockyard, Großbritannien
Stelldichein der Galionsfiguren: Im Portsmouth Historic Dockyard ist eine der umfangreichsten Sammlungen von Galionsfiguren zu sehen.

Dampfschiffe verdrängen die großen Segler und beenden die Zeit der Galionsfiguren

Figur am Segelschiff "Kalmar Nyckel"
Zahlreiche Nebenfiguren zierten die „Kalmar Nyckel“. Heute können oder wollen nur noch wenige Holzschnitzer sich an solche Arbeiten heranwagen.

Als sich im 19. Jahrhundert die Dampfschiffe mit ihrem geraden Bug ausbreiteten, war die große Zeit der Galionsfiguren vorbei.

Die Änderungen im Schiffsbau machten die Damen vom Bug überflüssig – hatten sie früher durch ihr Gewicht besonders bei klei­neren Schiffen die Lage im Wasser und die Fahreigenschaften verbessert, so waren sie nun nicht mehr nötig.

Auf den modernen Bugformen fanden sie zudem längst keinen so dekorativen Platz wie auf den alten Seglern.

Galionsfigur Eurydice, Portsmouth Historic Dockyard, Großbritannien
Die Zeit der Galionsfiguren ist vorbei – da hilft kein Betteln und kein Flehen, auch nicht das von Eurydice (1843), die ihrem Schiff kein Glück brachte. Von 319 Männern überlebten nur zwei den Schiffbruch vor der Ilse of Wight. Viele Seeleute wollen seither den ruhelosen Geist der Eurydice am Kap von Dunnose gesehen haben.

Heute werden fast nur noch Segelschulschiffe und private Yachten mit Galionsfiguren ausgestattet, und nur noch wenige Holzbildhauer können oder wollen sich als Galions­figuren­schnitzer beweisen.

Die Bugdamen haben ausgedient – der Glaube aber, dass der Bug eines Schiffes des besonderen Schutzes bedarf, ist erhalten ge­blie­ben: Selbst moderne Frachter, Ausflugsschiffe und Öltanker werden auch heute noch beim Stapel­lauf getauft – wenn auch mit Sekt und nicht mehr mit Tierblut, wie es die alten See­fah­rer taten.

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner