Etwa fünfzig Kilometer südöstlich von Pamplona entdecken wir auf unserer Nordspanien-Rundreise eine Burg, die mit ihren Türmen, Zinnen, Toren und Zugbrücken so sehr jede Vorstellung einer Ritterburg erfüllt, dass sie fast unecht wirkt. Die Rede ist vom Castillo de Javier in der Autonomen Region Navarra.

Die Anfänge der Burg
Die Anfänge der Burg gehen ins 10. Jh. zurück, in die Zeit der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den beiden christlichen Königreichen Aragón und Navarra. Damals nur ein Wachturm zur Verteidigung des Flusstals, wurde die Burg im 14. Jh. erweitert und ausgebaut. Nach der Annektierung Navarras durch Kastilien wurde die Burg gestutzt und diente bis ins 19. Jh. als Wohnhaus. Ihr heutiges Erscheinungsbild verdankt sie einer Dame mit äußerst klangvollem Namen: Die Duquesa de Villahermosa Doña María del Carmen Azlor de Aragón e Idiáquez ließ Ende des 19. Jh. die mittlerweile recht heruntergekommene Burg im romantisierenden Stil renovieren – offenbar hatte sie dieselben Bilderbücher gesehen, wie ich als Kind.

Entwicklung der Burg
Das Castillo de Javier ist als Ringburg angelegt: Der ursprüngliche Wachturm bildet als Bergfried noch heute das Zentrum der Anlage. Unter König Sanco VIII. el Fuerte (der Starke) wurde der Turm mit einer halbkreisförmigen Mauer umgeben. Nach und nach entstanden weitere Türme, Schutzwälle, Verteidigungsanlagen, Wohn- und Versorgungsräume. Die Burg ist groß, aber kompakt, und die Orientierung im Inneren gar nicht so einfach.
Wir haben unseren Rundgang durch die Burg Castillo de Javier in einem YouTube Video festgehalten.



Weit umfangreicher ist aber die Sammlung von Gemälden, Möbeln, Schriftstücken, Münzen und anderen Objekte, die das kulturelle, künstlerische und auch religiöse Erbe von Javier veranschaulichen. Die Gemälde in der Galerie (in der die ringförmige Anlage der Burg sich gut zeigt) zeigen Szenen aus dem Leben des bekanntesten Sohns der Burg: Francisco de Javier.

Elfjährige Reise von Francisco de Javier
1506 als fünftes Kind und jüngster Sohn in der Burg geboren ergriff Francisco einen Beruf, der ziemlich selten geworden ist: Er wurde Heiliger. Davon ahnte er noch nichts, als er 19-jährig nach Paris ging, um an der Sorbonne zu studieren. Die Begegnung mit Ignacio de Loyola (Mitbegründer des Jesuitenordens) gab seinem Leben eine entscheidende Wendung. Motiviert durch seinen katholischen Glauben unternahm Francisco eine elfjährige Reise, die ihn durch Indien bis in den Fernen Osten führte.

Francisco bereiste Indonesien, China und das damals in Europa noch weitgehend unbekannte und sagenumwobene Japan, wo er maßgeblich zur Verbreitung des christlich-katholischen Glaubens beitrug und die erste christliche Gemeinde auf japanischem Boden gründete. Von dort zog er weiter nach China, wo er 1552 auf einer vorgelagerten Insel mit nur sechsundvierzig Jahren an einer Lungenentzündung starb, während er auf eine Einreisegenehmigung ins streng abgeschlossene Reich der Mitte wartete. Die sterblichen Überreste des Schutzheiligen von Navarra und der katholischen Missionen sind in Goa, Indien, aufbewahrt. In zwölf detailverliebt gestalteten Dioramen von Lópes Furió aus dem Jahr 1967 sind Stationen der Reise des Heiligen dargestellt.

Christuskapelle mit Skelett-Malereien
Die sehr kleine Christuskapelle beherbergt gleich zwei außergewöhnliche Kunstschätze: Die Skelett-Malereien und den lächelnden Christus.

Die modern anmutenden Fresken aus dem 15. Jh. sind einzigartig in Spanien. Sie stellen einen Totentanz dar und sollten den Einfluss und die Macht darstellen, die der Tod auf und über das Leben der Menschen hat.

Der lächelnde Christus
Eine Besonderheit ist auch die aus Nussbaumholz geschnitzte Christusfigur Cristo de la Sonrisa aus dem 13. Jh., die einen lächelnden Christus zeigt. Diese Art der Darstellung ist ausgesprochen selten. Berühmt wurde die Figur allerdings nicht wegen ihres Lächelns, sondern weil in der Todesstunde des Heiligen Francisco die Wunde im Brustkorb zu bluten anfing, was einen großen Andrang an Pilgern zur Folge hatten. Diese küssten das Wundmal nicht nur, sondern kratzten auch das geronnene Blut ab – manche Abnutzungen und Schürfspuren sind bis heute zu sehen. Da weder Die Androhung von Strafe oder Exkommunikation etwas daran änderten, wurde die Kapelle – reichlich spät – im 18. Jh. für Besucher gesperrt. Heute sind sowohl der Totentanz als auch der lächelnde Christus nur von oben zu sehen.

Die Basilika am westlichen Rand des Burgkomplexes wurde 1901 im Zuge der Burgrestaurierung hinzugefügt. Sie ist im neugotischen Stil gehalten. Nach Abschluss der Bau- und Renovierungsarbeiten schenkte die Herzogin (wir erinnern uns: die mit dem klangvollen Namen) sowohl die Basilika als auch die Burg der Gesellschaft Jesu, unter der Bedingung, dass sie so erhalten bleibe, wie sie übergeben wurde. Die Herzogin selbst ist in der Krypta der Basilika beigesetzt.
Eine weitere beeindruckende Burganlage befindet sich rund 65 km südöstlich von Javier: Das Castillo de Loarre, eine der besterhaltenen romanischen Burganlagen und Kulisse für Ridley Scotts Monumentalfilm „Im Königreich der Himmel“.





