Nordspaniens göttliche Schlucht: Unterwegs auf der Ruta del Cares

Die Ruta del Cares gehört zu den spektakulärsten und meistbegangenen Wanderwegen Spaniens. Zwischen senkrecht aufragenden Felswänden führt sie von Asturien nach Kastilien und León.

Ein Balkon, bis zu zweihundert Meter über dem Fluss: So fühlt sich die Ruta del Cares im Norden Spaniens an. Ein Balkon ohne Geländer, versteht sich – Sicherungen sind an spanischen Schluchtwanderwegen die Ausnahme, das haben wir schon im Congost de Mont-Rebei erlebt.

Ruta del Cares
Nichts für Höhenängstliche: Immer wieder führt die Ruta del Cares in den senkrechten Felswänden entlang – weitgehend ungesichert.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Es gibt Geländer und Sicherungen in der Cares-Schlucht – bestimmt etwa fünfzig oder hundert Meter auf der zwölf Kilometer langen Gesamtstrecke.

Ruta del Cares
Immerhin: Die Brücken haben ein Geländer!

Die göttliche Schlucht: Kleiner Mensch – erhabene Natur

Bis zu 2000 m ragen die Picos de Europa im Osten der Cares-Schlucht in den Himmel. Die Berge im Westen sind kaum weniger hoch. Um so gewaltiger wirkt die Schlucht, „in der man, um überhaupt den Himmel zu sehen, senkrecht nach oben blicken muss“.

So schrieb es Diego Quiroga y Losada, der Markgraf von Santa María del Villar. Er zählt zu den ersten, der die Picos de Europa mit der Kamera festhielt – und er war es auch, der für den Beinamen „die göttliche Schlucht“ Pate stand.

Ruta del Cares
Himmelwärts: Hoch und steil ragen die Berge über der Cares-Schlucht auf. Für frühe Naturfotografen wie Diego Quiroga y Losada der direkte Beweis für das Wirken Gottes, und eine Erinnerung an die Winzigkeit des Menschen. Bis heute lassen sichBesucher von der Erhabenheit der Landschaft faszinieren.

 

Ruta del Cares
Die Erbauer des Weges hatten mit Ehrfurcht und Erhabenheit wenig im Sinn – wie winzig sie selbst angesichts der gewaltigen Natur sind, erlebten sie aber am eigenen Leib. Ihnen ging es auch nicht in erster Linie darum, die Schlucht begehbar zu machen; der erste, haarsträubend und deutlich schwierigere Pfad war ein Nebenprodukt und reiner Wartungsweg für ein kühnes Ingenieursprojekt: Den Cares-Kanal.

Wasserkraft statt Wanderlust: Der Cares-Kanal

1916 beschloss das Unternehmen Electra de Viesgo, im Bergdorf Caín (Provinz León), einen Teil des Wassers aus dem Cares-Fluss abzufangen und zum ca. elf Kilometer entfernten Wasserkraftwerk von Poncebos (Asturien) umzuleiten.

 

Ruta del Cares, Cain
Hier, in Caín, ist heute der südliche Startpunkt der Ruta del Cares.

 

Ruta del Cares, Fischtreppe am Stauwehr
Unweit von Caín wird der Fluss aufgestaut und das Wasser kontrolliert in den Kanal umgeleitet. Die zickzackförmige Struktur links im Bild ist eine Fischtreppe – obwohl die Staumauer selbst nicht besonders hoch und wenig beeindruckend ist, stellt sie für die im Cares heimischen Forellen und Lachse ein unüberwindbares Hindernis dar. Die zickzackförmigen Stufen und Becken brechen die Strömung des herabfließenden Wassers und erzeugen kleine, kontrollierte Stufen mit fließendem Wasser. So können die Fische flussaufwärts zu ihren Laichplätzen gelangen.

 

Ruta del Cares
Der Kanal selbst wurde mit einem extrem geringen Gefälle von gerade einmal einem Promille geplant – das ist ein Meter pro Kilometer. So wurde sichergestellt, dass das Wasser konstant fließt, ohne dabei zu viel Höhe zu verschenken. Dieser „sture“ Verlauf entlang der Höhenlinie erforderte insgesamt 71 Tunnel, der längst davon hat rund einen Kilometer Länge. Der Kanal ist hier unterhalb des Wegs zu sehen, wo er in einen dieser Tunnel verschwindet.

 

Ruta del Cares, Kanal und Weg
Da es damals keine modernen Tunnelbohrmaschinen gab, planten die Ingenieure die Tunnel oft leicht geschwungen. So konnten sie immer wieder kleine Fenster zum Abgrund öffnen, um den Schutt nach draußen zu werfen und etwas Licht in die Dunkelheit zu bringen. An Seilen gesichert ließen sich die Bauarbeiter an den Felswänden herab, setzten das Dynamit in die Bohrlöcher, und ließen sich zurück in Sicherheit ziehen, bevor die Sprengung los ging. Nicht immer ging das gut – genaue Unfallzahlen sind nicht überliefert, aber es kam häufig zu Unfällen, auch mit Todesfolge. Mit Spitzhacken und Handarbeit erledigten sie den Rest der Arbeiten.

 

Ruta del Cares
Auch der später ausgebaute Weg führt durch zahlreiche Tunnel, vor allem am Oberlauf.

 

Ruta del Cares
Sieht ganz idyllisch aus mit dem Steinhaus, aber der Schein trügt: Die Bauarbeiter (zeitweise bis zu mehrere Hundert) lebten unter härtesten Bedingungen. Sie schliefen in provisorischen Holzhütten, Baracken oder direkt in natürlichen Höhlen entlang der Schlucht. Da es keine Wege gab, wurden Baumaterialien und Werkzeuge oft mühsam mit Lasttieren über die Bergkämme oder sogar mit kleinen Booten/Flößen direkt über den im Bau befindlichen Kanal transportiert.

 

Ruta del Cares, Mühle, Posada de Valedon
Während der Bauarbeiten schnitt ein gewaltiger Wintereinbruch mit historischen Schneemassen etwa 400 Arbeiter im abgelegenen Dorf Caín von der Außenwelt und jeglicher Versorgung ab. Um dem Hungertod zu entkommen, wagten die Männer eine nächtliche, lebensgefährliche Flucht über die höchsten, verschneiten Grate der Picos de Europa – im Dunkeln und unter ständiger Lawinengefahr.

 

Ruta del Cares, Wasserschloss Poncebos
Nach fünf Jahren Bauarbeiten wurde der Kanal im September 1921 offiziell fertig gestellt. Wer genau schaut, kann ihn auf dem linken Bild hoch oben in der Felswand sehen, wo er zum Bergdorf Camarmeña führt. Von dort stürzt das Wasser dann in diesen riesigen Rohren steil die Felswand hinab zum Wasserkraftwerk in Poncebos, um dort die Turbinen des Kraftwerks anzutreiben. Das Gebäude rechts im Bild ist Teil der Wasserkraftanlage bzw. des Kanalsystems von Camarmeña Poncebos. Hier befindet sich der nördliche Start- bzw. Endpunkt der Ruta del Cares. Wer von Nord nach Süd wandert, hat direkt am Anfang die ziemlich gewaltige Steigung zu bewältigen.

 

Ohne Weg geht’s doch nicht: Der Bau der Ruta del Cares

Nachdem der Kanal 1921 fertiggestellt war, stellte das Unternehmen fest, dass ein regelmäßiger Betrieb und vor allem die Instandhaltung und Reinigung des Kanals (der regelmäßig von Laub, Steinen und Schlamm befreit werden musste) extrem gefährlich und umständlich war, weil es keinen direkten Zugang gab. Der „Weg“, den die Bauarbeiter genutzt hatten, hatte die Bezeichnung nicht verdient, und war eher ein haarsträubender schmaler Pfad, auf dem in einer wilden Linienführung beachtlich viele Höhenmeter zusammen kamen.

 

Ruta del Cares
Unter der Leitung des lokalen Vorarbeiters Manuel Campillo Noriega (aus dem nahegelegenen Dorf Bulnes) wurde im September 1945 mit dem Bau des eigentlichen Inspektionsweges direkt neben, unter oder auch mal über dem Kanal begonnen. n der späteren Phase (ab 1947) wurde unter großen Mühen ein tonnenschwerer, eisenbereifter Kompressor über die alten, unwegsamen Pfade zum Einsatzort geschafft, was die Arbeit mechanisierte, aber die Logistik vor extreme Proben stellte.

 

Ruta del Cares
Im Juni 1950 wurde der Weg offiziell vollendet. Er hat eine durchschnittliche Breite von rund 1,5 Metern – gerade breit genug für die Instandhaltungsarbeiten der Techniker.

 

Ruta del Cares, Kanalwartung
Wenn heute kleinere Wartungsarbeiten am Kanal nötig werden, kommen Quads zum Einsatz – oder, ganz traditionell, Packtiere wie Esel und Maultiere. Bei unserem Besuch Ende September 2026 waren größere Wartungsarbeiten im Gang: Der Kanal war trocken gelegt, und die kleinen, wendigen Zugfahrzeuge rauschten im Affenzahn durch den Kanal. Der Weg selbst hat sich vom Wartungspfad zu einem der bekanntesten Wanderwege Spaniens entwickelt: Mehr als eine Viertelmillion Besucher werden jährlich verzeichnet.

 

 

Ruta del Cares
Die Ruta del Cares ist im südlichen Teil weitgehend flach und bequem zu laufen. Schilder sind selten – der Weg ist selbsterklärend, und wer einmal drauf ist, kann sich praktisch nicht verlaufen. Nur wenige Male zweigen Pfade ab und führen an den seitlichen Hängen steil hinauf ins Gebirge.

Wandern auf der Ruta del Cares – Praktische Tipps

  • Startpunkte: Die Schlucht kann von zwei Hauptenden aus begangen werden: im Norden von Poncebos (Asturien) oder im Süden von Caín (Provinz León / Kastilien und León).
  • Parken in Poncebos: Es gibt direkt am Startpunkt begrenzte Parkmöglichkeiten am Straßenrand. In der Hauptsaison (Sommer und um Ostern) ist die Zufahrt von Arenas de Cabrales nach Poncebos jedoch oft reguliert oder stark überlastet. Es empfiehlt sich, sehr früh morgens anzureisen oder auf offizielle Shuttles/Busse auszuweichen, die von umliegenden Orten (wie Arenas de Cabrales) verkehren.
  • Parken in Caín: Im südlichen Startort Caín gibt es mehrere (teils gebührenfreie oder private) Parkmöglichkeiten, die sich jedoch in der Hochsaison ebenfalls schnell füllen. Wir waren Ende September um ca. neun Uhr vor Ort – die Hälfte der Parkplätze war bereits belegt, die andere Hälfte noch gesperrt. Wir haben einen der wenigen Plätze am Straßenrand ergattert.
Ruta del Cares
Hin und zurück ist langweilig? Auch wenn wir normalerweise Rundwege bevorzugen, ist „langweilig“ sicher keine Beschreibung für die Cares-Schlucht. Im Gegenteil: Der Perspektivwechsel auf ein und dasselbe Wegstück ist durchaus spannend.
  • Die Ruta del Cares wird klassisch als Hin- und Rückweg gewandert. Wer die gesamte Strecke hin und zurück macht, kommt man auf eine beachtliche Gesamtlänge von ca. 24 km. Viele Wanderer wandern nur eine Strecke (z. B. von Poncebos nach Caín) und nutzen für den Rückweg ein Taxi. Da die Schlucht durch einen Bergkamm getrennt ist, müssen Taxis für den Weg von Caín nach Poncebos (oder umgekehrt) außenherum über eine extrem lange Straßenverbindung fahren (ca. 100 km / über eine Stunde Fahrzeit). Das ist entsprechend teuer und muss unbedingt im Voraus organisiert werden.
  • Es gibt einige regionale Anbieter, die Tagestouren anbieten, zum Beispiel Turaventura oder Aventuras en Asturias. Morgens werden die Wanderer in Caín oder Poncebos abgesetzt, am frühen Nachmittag am anderen Ende wieder eingesammelt und mit Geländewagen über Schotterpisten durch die Berge wieder zurück gebracht. Startpunkt ist oft in Cangas de Onis – von hier fährt man etwa eineinhalb Stunden bis nach Caín. Die Preise liegen bei ca. 50 Euro pro Person, manchmal etwas weniger.
Cangas de Onis
Das lebendige Städtchen Cangas de Onis hat sich für uns als guter Standort für Ausflüge in die Picos de Europa erwiesen. Das kulinarische Angebot ist hervorragend, die alte römische Brücke mitnichten römisch, aber sehenswert, und die Entfernungen machbar. Früh aufstehen muss man trotzdem, wenn man von hier nach Caín fährt und dort vor dem größten Andrang starten möchte.
  • Wer von Süden startet, läuft auf den ersten fünf bis sechs Kilometern überwiegend flach dahin. Nach Poncebos fällt der Weg dann stark ab. Wer andersrum wandert, hat am Anfang eine starke Steigung zu bewältigen. Wir haben uns für die fußfaule Variante entschieden uns sind in Caín gestartet. Bevor es ernsthaft Höhenmeter in Angriff zu nehmen galt, haben wir umgedreht. Die Gesamtstrecke waren dennoch elf Kilometer.
  • Technisch: Der Weg ist im Grunde ein gut ausgebauter, historischer Instandhaltungsweg (entlang des Kanals). Er hat keine extremen steilen Kletterpassagen, verlangt aber Trittsicherheit.
  • Konditionell: Die Hauptschwierigkeit liegt schlicht in der Länge der Strecke.
  • Höhenangst: Der Weg ist stellenweise direkt in den Fels geschlagen und fällt zu einer Seite steil in die Schlucht ab. Es gibt auf weiten Strecken keinerlei Geländer oder Absicherungen zur Abgrundseite hin. Personen mit starker Höhenangst sollten das bedenken.
  • Der Zugang zur Ruta del Cares ist vollständig kostenlos (Stand 2026). Es gibt keinen Eintritt und keine Vorreservierungspflicht für den Wanderweg selbst. Es können aber Parkgebühren anfallen.
Ruta del Cares
Nach etwa sechs Kilometern machen wir am Horizont eine erste nennenswerte Steigung aus. Sicherheitshalber drehen wir vorher um. Nicht, dass wir erst hoch, dann runter, und am Ende wieder hoch laufen müssen!
  • Da der Weg direkt unter mächtigen, steilen Kalksteinwänden verläuft, besteht ein permanentes (wenn auch meist geringes) Steinschlagrisiko. Achten Sie auf entsprechende Warnschilder und verweilen Sie nicht unnötig an Steinschlagzonen. Behalten Sie auch die Wildziegen in den Felswänden im Auge – diese sind die Hauptverursacher für kleinere Steinschläge.
  • Im Sommer kann es in der tiefen Schlucht extrem heiß werden. Es gibt kaum natürlichen Schatten auf bestimmten Teilstücken. Ende September war es bis elf angenehm kühl – mit der Mittagssonne wurde es unangenehm heiß.
Ruta del Cares
Technisch ist der Weg keine Herausforderung – er ist quasi eine Galoppstrecke.

 

  • Es gibt auf dem Wanderweg keinerlei Wasserstellen, Kioske oder Toiletten. Sie müssen ausreichend Trinkwasser (mindestens 1,5 bis 2 Liter pro Person) und Verpflegung von Anfang an im Rucksack mitführen. (Gastronomie gibt es nur an den jeweiligen Endpunkten in Poncebos und Caín).
  • Feste, eingelaufene Wanderschuhe sind Pflicht. Eine Taschen- oder Stirnlampe ist von Vorteil, da der Weg durch einige in den Fels gehuelle, teils dunkle Tunnelabschnitte führt. Stöcke sind nicht zwingend nötig, können aber Sicherheit geben.
  • In der tiefen Schlucht haben Sie fast durchgehend kein Handynetz. Notrufe sind unterwegs kaum möglich – wandern Sie daher vorausschauend.

 

 

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