Tag zwölf unserer Nordspanien-Rundreise führt uns von Barcelona zur schön gelegenen Abtei Sant Miquel del Fai, der größten Höhlenkirche des Landes. Von dort fahren wir ins Landschaftsschutzgebiet Espai Natural de les Guilleries-Savassona, wo wir ein wunderschönes Kloster und eine versunkene Kirche entdecken. Den Abend verbringen wir im „Schweinestädtchen“ Vic, dem lebendigen Zentrum der katalonischen Schweinezucht.

Alexandre Louis Joseph nannte die Wasserfälle „zu manchen Jahreszeiten eines der schönsten Schauspiele, die der Mensch sehen kann“. Víctor Balaguer sprach ebenso wortgewaltig wie begeistert von einer „Titanenleiter“ (unter anderem …) und Max Frisch schwärmte von der Ruhe unter den „silbernen Wasserfällen“.
Der Journalist und Schriftsteller Josep Pla äußerte sich 1971 weniger euphorisch, dafür scharfzüngig und spöttisch: „Was wir nirgendwo sahen, war der Wasserfall. Angesichts dieser Widersprüchlichkeit befragten wir eine Frau aus der Gegend, die mir sagte: ‚Der Wasserfall existiert, funktioniert aber nur sonntags. Heute ist Mittwoch. Verstehst du? Du bist am falschen Tag gekommen.‘
Ich war geschockt. Ich hätte nie gedacht, dass es Wasserfälle mit festen, intermittierenden und wöchentlichen Abläufen gibt. Die ungestüme Beschreibung des Wasserfalls von Victor Balaguer war meiner Meinung nach sehr schlecht. ‚Das ist also ein wöchentlicher Wasserfall, wie illustrierte Zeitschriften und Fußballspiele‘, sagte ich der Frau.
‚Wenn Sie Lehrer wären und mit den Jungen oder Mädchen Ihrer Schule gekommen wären, hätten sie es Ihnen gezeigt. Normalerweise tun sie das, wenn die Kinder mit ihren Lehrern kommen. Ansonsten funktioniert der Wasserfall nur sonntags, wenn Menschen da sind, denn es wäre eine Schande, wenn diejenigen, die heraufkommen, um ihn zu sehen, nicht sehen würden.’“

Auf der Rossinyol-Brücke überqueren wir den gleichnamigen Fluss. Sie wurde im Jahr 1592 im romanischen Stil erbaut. Die kleinen Gewölbe auf beiden Seiten der Brücke („Squinches“) dienen der Stützung des Bogens und der Stabilität der Brücke.
Zur selben Zeit wie die Brücke wurde auch die Foradada-Passage geschaffen und damit ein neuer Zugang zum darunter gelegenen Kloster errichtet. Der Durchgang ist von einem Bogen überspannt, auf dem ein kirchliches Wappen mit Kardinalshut und zwei Quasten zu sehen ist.

Die Öffnung der Foradada-Passage führte im späten 16. Jh. zum Bau des befestigten Tors. Hier ist für uns Schluss: Der Naturpark hat nur am Wochenende geöffnet (und wie links im Bild zu sehen ist, „funktioniert“ wochentags auch der Wasserfall nicht richtig).
Der Eintritt ist frei; Tickets sind aber zwingend erforderlich und werden am besten vorab auf der Webseite des Naturparks gebucht. Dort erfährt man auch, wenn das Kloster wegen Waldbrandgefahr oder widriger Witterungsbedingungen gesperrt ist.
Sehenswert ist neben der Landschaft, den Höhlen und dem Wasserfall (habe ich den Wasserfall erwähnt?) vor allem die Klosterkirche, die um 1006 direkt in eine große Höhle gebaut wurde, und deren Dach aus dem natürlichen Felsen gebildet wird.
In der Kirche ist die Madonna del Fai zu sehen, eine der seltenen Madonnen, bei denen das Jesukind einen Vogel in der Hand hält. Dieser nimmt – vermutlich – Bezug auf das apokryhe Kindheitsevangelium nach Thomas, nach dem Jesus als Fünfjähriger zwölf Spatzen aus Lehm geformt und zum Leben erweckt haben soll (und das am Schabbat, an dem jegliche Arbeit verboten war!)
Wir fahren weiter nach Norden, in die Region Osana und den Naturpark Guilleries-Savassonam, der sich auf 83 km² rund um den Sau-Stausee (Pantà de Sau) erstreckt. Unser Plan sieht vor, den Stausee einmal zu umrunden, so dicht wie möglich am Ufer. Das sieht auf der Karte einfacher aus, als es tatsächlich ist – ein großer Teil der eingezeichneten Straßen verdient eher die Bezeichnungen „Karrenweg“ oder „Rückegasse“, was uns zu einigen Kehrtwenden und Routenänderungen veranlasst.





Zudem diente es als Altersruhesitz alleinstehender Damen. Diese vererbten ihr Vermögen dem Kloster, um im Gegenzug nicht alleine sterben zu müssen. Bereits 1060 wurde die Abtei zum Priorat herabgestuft, weil weniger als die erforderlichen zwölf Mönche dort lebten. 1079 wurde Sant Pere de Casserres der Benediktinerabtei Cluny unterstellt und zum Verwaltungszentrum der Besitztümer Clunys in Katalonien.
Mehr als zwölf oder dreizehn Personen lebten nie im Kloster – Ende des 15. Jh. gab es nur noch zwei Mönche, und die ehemalige Abtei verfiel zusehends. 1991 wurde sie von der Kreisverwaltung Osona gekauft und zwischen 1994 und 1998 umfassend renoviert. Die Kirche selbst hat einen quadratischen Grundriss mit drei Schiffen, die durch zwei kreuzförmige Pfeiler getrennt sind.
Alle drei Schiffe sind als Tonnengewölbe mit halbrunder Apsis gestaltet. Von der Bemalung, die im Modell rechts zu sehen ist, sind nur wenige Reste erhalten.

1426/27 stürzte der Kreuzgang bei einem Erdbeben ein und wurde später mit rechteckigen Blöcken wieder aufgebaut. Dabei wurden zahlreiche Elemente des ursprünglichen Kreuzgangs genutzt, was die vollständige Nachbildung von zwei Galerien ermöglichte.
Die anderen beiden wurden in der Form aufgebaut, die im 15. Jh. üblich war. Die Kapitelle zeigen geometrische und pflanzliche Motive. Heute ist der Kreuzgang ein Ort großer Stille – wer Ruhe sucht, findet sie auf dem ganzen Gelände von Sant Pere de Casserres, und ganz besonders hier im lichtdurchfluteten Kreuzgang.

Im 15. Jh. diente der (eher ungemütliche …) Saal als Aufenthaltsraum für die Donaten, jene Personen, die mit der klösterlichen Gemeinschaft zusammen lebten. Der Bogen des Zugangs zum Glockenturm ist jüngeren Datums: Er stammt aus dem Jahr 1970.

Aufgrund seiner Wichtigkeit und seines repräsentativen Charakters verfügte der Raum über einen Kamin – eine Annehmlichkeit, die der restlichen Gemeinschaft nicht zur Verfügung stand. Unweit der Kammer des Priors ist ein Blick in das gemauerte Dach des Glockenturms möglich (Mitte).
Im Erdgeschoss war das Refektorium, der Speisesaal der Mönche, untergebracht (rechts). Während der Mahlzeiten wurde von der Kanzel aus vorgelesen; die Tür zum Refektorium blieb geschlossen. Das modern anmutende Design der Möbel ist den Darstellungen von Mahlzeiten auf Miniaturen und Gemälden aus dem 11. Jh. nachempfunden, auf denen oft halbkreisförmige Tische mit einem geraden Teil für die Bedienung zu sehen sind.


Wir passieren den 320-Einwohner-Ort auf unserer Fahrt zum Staudamm – viel mehr als ein paar Häuser sind es nicht; ein Café suchen wir vergeblich. Bei vollständiger Füllung des Stausees ragt der Turm der Kirche des Ortes Sant Romà noch etwa zwei Meter weit aus dem Wasser.
In trockenen Jahren kommt sie hingegen vollständig zum Vorschein. Wegen jahrelanger Dürre („seit 40 Monaten wenig Niederschlag“; Stand 2. Feb. 2024) stand sie bei unserem Besuch deutlich oberhalb der Wasserlinie.



Nach einer ausgiebigen Pause (auf einem Picknickplatz mit einer kämpferischen Familie roter Katzen) fahren wir zurück – auf demselben Weg, auf dem wir gekommen sind. Nach den Erfahrungen mit den Straßen auf der Südseite des Sees verzichten wir auf weitere Experimente – zumal die Wege, die nach Norden führen, noch weniger vertrauenerweckend aussehen.
Die Gegend erkundet man wohl besser zu Fuß, mit dem Mountainbike oder zu Pferd. Oder zumindest mit einem geländetauglichen Allrad-Auto.

Das mag an der Nähe zu Barcelona (ca. 70 km) liegen – in Vic wohnt man vergleichsweise metropolennah und zugleich mitten im Grünen. Die Stadt selbst bewirbt sich als „Slow City“ – ein von der Slow-Food-Bewegung inspiriertes Prädikat, das für gute Lebensqualität, die Unterstützung kultureller Diversität und die Betonung der eigenen, regionalen Produkte und Werte steht.

Eines der auffallendsten Gebäude ist das Kulturzentrum im Casino de Vic an der südöstlichen Ecke des Platzes (das mit dem hübschen Turm). Gemeinsames Element der bunten Stilmischung sind die Arkadengänge, die den Platz fast lückenlos umgeben, und die fast ebenso lückenlos mit Tischen und Stühlen von Cafés, Restaurants und Bars möbliert sind.
Dienstag und Samstag sind Markttage; dann werden auf der Plaça Major regionale Produkte und preiswerte Kleidung verkauft. Der Platz selbst ist nicht gepflastert, sondern mit Sand bedeckt. Das war besser für das Vieh, das aus den landwirtschaftlichen Betrieben der Region hier her getrieben und verkauft wurde. Bis heute findet einmal jährlich in der Vor-Osterzeit ein großer Bauern- und Viehmarkt in Vic statt.

Die Schweine wurden (und werden) zu Kataloniens beliebester Salami verarbeitet: Der Llonganissa de Vic. Die Llonganissa ist eine Rohwurstspezialität, die aus magerem Schweinefleisch, gemischt mit kernigem Speck und einer Gewürzmischung aus Pfeffer, Nelke, Anis und einer Prise Zimt hergestellt wird.
Typisch ist die intensive, leuchtend rote Farbe, die deutlich erkennbaren Speckwürfel und ein vergleichsweise niedriger Fettgehalt von rund zwanzig Prozent. Die Llonganissa wird im Naturdarm mehrere Wochen lang luftgetrocknet, bis sich eine typisch weiße Blüte (Edelschimmel) bildet – die Mischung aus Bergluft und Meeresbrise soll mit zu ihrem charakteristischen Geschmack beitragen.

1882 hatte das Schloss endgültig ausgedient und wurde abgerissen. Zum Vorschein kam ein Schmuckstück römischer Architektur in einer Größenordnung, von der man meinen könnte, dass man es nicht so leicht übersieht.





Der dritte im Bund ist ein Junge, den wir nicht entdecken, der aber ebenfalls einen zu groß geratenen Kopf hat – die drei übergroßen „Wolfsköpfe“ aus Pappmaché werden bei Hauptfest (um Fronleichnam) von Bürgern der Stadt getragen. El Merma ist derjenige, der Platz für die Riesen schafft: Wer nicht aufpasst, kann Schläge einstecken.
Auf dem Rückweg zum Hotel plündern wir noch eine Bäckerei – wenn wir schon die traditionelle Llonganissa nicht probiert haben, fühle ich mich zumindest verpflichtet, die Qualität der hiesiegen Törtchen und Backwaren zu prüfen. Man muss Opfer bringen!
In der Tat schmecken sie so gut, dass ich einen Moment lang in Erwägung ziehe, nochmal zurück zu laufen, doch in der Zwischenzeit hat der Laden leider (oder zum Glück …) geschlossen. Am kommenden und letzten Tag unserer Nordspanien-Rundreise wollen wir ins Mittelalterstädtchen Besalú mit seiner beeindruckenden romanischen Brücke.





