Breitachklamm: Pfarrer und Geister in Deutschlands tiefster Schlucht
09.03.2026
Mit Mut, Gottvertrauen und einer Menge Geld sorgte ein Pfarrer 1904 für die Erschließung von Deutschlands tiefster Schlucht, der Breitachklamm.
Als Österreicher bin ich in Sachen Schluchten schwer zu beeindrucken – was als spektakulär angepriesen wird, entlockt mir oft nur ein müdes Lächeln. Zwei Schluchten haben mich in den letzten Jahren aber ziemlich umgehauen: Die Mont-Rebei-Schlucht in Nordspanien, und die Breitachklamm bei Oberstdorf. Ganz ehrlich: Ich hatte deutlich weniger erwartet.
Vermutlich habe ich mich vom Namen täuschen lassen: „Breit…“ klingt beschaulich und weitläufig, das macht auch das „…klamm“ am Ende nicht wett. Im vorderen Bereich, kurz hinter dem Parkplatz am Nordausgang der Schlucht, ist die Klamm zwar etwas breiter, aber dennoch nicht breit. Immerhin reicht der Platz hier noch für einige Bäume und Büsche an den Hängen und am Boden der Schlucht.
An der schmalsten Stelle, dem „Zwing“, ist die Schlucht keine zwei Meter breit. Der „hohe Zwinck“ wurde 1492 erstmals urkundlich erwähnt – zur Verteidigung gegen die Schweden wurden oberhalb der Breitachklamm eine Reihe von Schanzen gebaut, und der erste Zwingsteg über die Schlucht entstand.
Die schwindelerregende Brücke wurde von Jägern, Wilderern, Bauern, Holzfällern und Händlern genutzt – letztere vermieden so das Zollam an der Walserschanz. Der Blick hinunter ist noch heute nichts für schwache Nerven – im Mittelalter führte er zu allerlei Gemunkel. „Man traut sich kaum, den Steg zu betreten. So schauerlich klingt das Getöse des Wassers. Man glaubt, da unten das entsetzliche Gebrüll eines Zerberus zu hören“, heißt es noch in einem Reiseführer von 1890. Es soll einen verborgenen Schatz geben, und natürlich auch einen Geist: Den eines Käsehändlers, um genau zu sein. Während einer Hungersnot warf der Geizhals all seine Käsevorräte lieber vom Zwing hinab in die Schlucht, statt sie mit den hungrigen Landsleuten zu teilen. Zur Strafe wurde seine Seele an die Breitachklamm gebunden und soll dort bis heute klagend ihr Unwesen treiben. Der Zwingsteg ist bis heute ein Highlight der Rundwanderung – auch ohne Geister.
Erdzeitlich gesehen ist die Breitachklamm fast noch ein Baby. Sie entstand nach der letzten Eiszeit vor rund 23.000 Jahren. Die Jahresdurchschnittstemperatur im Oberallgäu betrug minus drei Grad; das Kleinwalsertal war von einer bis zu 700 m dicken Eisschicht bedeckt. Vor etwa 15.000 Jahren begann es zu tauen, weitere viertausend Jahre später war die Region eisfrei. Das abfließende Schmelzwasser der jungen Breitach grub sich immer tiefer durch einen Riss im Kalkstein. Vor rund 10.000 Jahren bildete sich so die 1.600 m lange und rund hundert Meter tiefe Schlucht.
Unsere Wanderung durch die Breitachklamm auf YouTube.
Ein kurzer Tunnel führt hinein in die eigentliche Klamm. Das Portrait über dem Eingang zeigt Johann Schiebel, den Erschließer der Schlucht. Bis 1904 war die Schlucht nur vom Walsertal aus und über den Zwingsteg einsehbar – eine Begehung schien unmöglich. Johannes Schiebel, der schon einige Höhlen erschlossen hatte, sah das anders. Der Gemeindepfarrer aus Tiefenbach wollte neue Arbeitsplätze schaffen und suchte nach Wegen ins Innere der Klamm.
Von einigen Mitstreitern ließ er sich abseilen und erkundete das Terrain. Schnell kam er zu der Überzeugung, dass die Schlucht erschlossen werden musste, koste es, was es wolle, und das war reichlich. Um das Geld aufzutreiben, wurde 1904 der Breitachklammverein gegründet. Für je 500 Goldmark konnten sich interessierte Bürger Geschäftsanteile kaufen. Insgesamt hundert davon wurden herausgegeben. Zeitgleich lief die Suche nach einem Bauunternehmen, dass sich die technisch anspruchsvolle Aufgabe zutraute. Den Zuschlag bekam im März der Südtiroler Johann Lucian – sein Angebot von 16.302 Mark war das einzige, das abgegeben wurde. Am 25. Juli 1904 erfolgte die erste Sprengung; knapp ein Jahr später (4. Juni 1905) die Eröffnung. „Das große Werk ist vollbracht, die Felskammern des wilden Zwing sind aufgebrochen. Mit Gottes Hilfe ging die sehr gefährliche Arbeit ohne jeden Unfall ab“, schrieb Johann Schiebel damals in sein Tagebuch.
Heute wandern jedes Jahr rund 300.000 Besucher durch die Breitachklamm. Da kann es schon mal Stau geben. Für eine Rast- und Überholstelle hätte ich mir allerdings eine bequeme Sitzbank gewünscht. Andererseits ist ein Kiesbett auch nicht zu verachten …
Natürliche Brücke: Feststeckende Felsbrocken überdachen die Schlucht. Immer wieder fallen größere und kleinere Felsbrocken in die Schlucht, vor allem in der Schneeschmelze – aus Sicherheitsgründen bleibt die Klamm dann gesperrt. Im September 1995 kam es zu einem Felssturz, bei dem rund 50.000 Kubikmeter Gestein herabstürzten und das Flussbett mehrere Meter hoch verbauten. Die Breitach wurde zu einem großen See aufgestaut. Während der darauffolgenden Schneeschmelze brach das Wasser am 23. März 1996 durch den natürlichen Damm, und eine Flutwelle, die im engsten Teil der Schlucht eine Höhe von 35 m erreichte, verwüstete den unteren Teil der Klamm. Die Instandsetzung kostete rund 300.000 DM.
Viel Schatten, viel Feuchtigkeit: In der Breitachklamm ist es auch in sommerlichen Hitzeperioden angenehm kühl. Die Bäume in der Klamm sind mit Moosen, Farnen und Flechten bewachsen.
Nur wenig Sonne erreicht den Boden der Schlucht – dann aber ist das Spiel von Licht, Schatten und Wasser bezaubernd.
Die Breitach fließt vom Kleinwalsertal nach Nordenosten. Die Breitachklamm liegt bei Tiefenbach, einem Ortsteil von Oberstdorf, am Ausgang des Kleinwalsertals. Dort ist auch der untere Eingang, von dem man bequem und ohne nenneswerte Steigung vom Parkplatz in die Schlucht gelangt. Der obere Zustieg liegt nahe der Walserschanze im benachbarten Österreich. Von hier sind es ca. 80 Höhenmeter bis zum Zwingsteig. Achtung: Auf der abgebildeten Karte ist Norden unten.