Überall auf der Welt gibt es sie, diese speziellen Orte, die immer ein kleines Mysterium bleiben. Orte, um die sich Legenden und Mythen ranken. Orte, die Teil der kulturellen Identität sind. Tag zehn unserer Nordspanien-Rundreise führt uns von Gósol kommend an einen solchen Ort: Nach Montserrat, dem Gebirgsstock, der sich wie eine Wand aus der umliegenden Ebene erhebt.

„Mit goldenen Sägen haben die Englein aus diesen Felsen Euch einen Palast gesägt; Königin des Himmels, …“, schreibt der Dichter Jacint Verdaguer 1880 in seiner Ode „Virolai“, in der er die schwarze Madonna von Montserrat ehrt. Tatsächlich bedeutet „Montserrat“ nichts anderes als „zersägter Berg“, aber diesen Namen hatte das Massiv wohl schon lange vor des Dichters Geburt.
Andere sehen im Montserrat den“Munsalvaesche“, jenen Berg aus der Parzival-Legende, in dem der Heilige Gral verborgen sein soll. Als Richard Wagner die Szenerie für seine Oper „Parsifal“ beschrieb, soll er sich am katalanischen Wahrzeichen orientiert haben.

Die zweite Phase begann im Anschluss: Wind, Schnee und Wasser formten die typischen Felsnadeln, indem weiches Gestein ausgewaschen und zersetzt wurde. Risse, Brüche und Kluften entstanden, und nur die harten Gesteinsschichten blieben übrig. Die Erosion formt den Montserrat bis heute, und es kommt immer wieder zu Steinschlägen und Felsabstürzen.

Hier im Bild (von links): Der Affe, der Elefant und die Mumie. Die Mumie nimmt bei Kletterern einen besonderen Platz ein: 1946 gehörte sie zu den ersten Felsen der Region, die bestiegen wurden. Zwei klassische Kletterrouten führen auf den Kopf der Mumie – beide bewegen sich vom Schwierigkeitsgrad in der Klasse sechs. Der Zustieg beginnt am Kloster Montserrat und führt auch zu den Einsiedeleien von Sant Dimes, Sant Benet und Sant Salvador.

Sie berichteten dem Bischof von ihrem Fund. Dieser wollte die Statue nach Manresa, der nächstgelegenen Siedlung, bringen lassen. Doch je weiter sie die Marienfigur trugen, desto schwerer wurde sie, so schwer, dass sie sich bald gar nicht mehr bewegen ließ. Der Bischof sah darin ein Zeichen, dass die Madonna im Montserrat bleiben wollte und ließ ihr eine Bleibe bauen: Die Eremitage Santa Maria, eine kleine Einsiedelei. La Moreneta erlangte rasch Bekanntheit, auch wegen der Wunder, die sie zu wirken vermochte.

Bis auf Gesicht und Hände ist sie vollständig in Gold gefasst. Sie sitzt aufrecht auf einem Thron, ebenso aufrecht sitzt das Jesukind auf ihren Knien – mit den Gesichtszügen und der Haltung eines Erwachsenen. Beide tragen eine Krone. Die Madonna trägt eine Kugel in ihrer rechten Hand, als Symbol für das Universum. Das Kind hält einen Pinienzapfen in der linken Hand, ein mythologisches Symbol für Fruchtbarkeit, das als Symbol für Auferstehung und Unsterblichkeit in den christlichen Glauben Einzug fand.
Der Besuch der Kirche und der Madonna sind normalerweise kostenlos und frei zugänglich – bei unserem Besuch war der Zugang wegen einer Veranstaltung nur mit Eintrittskarte möglich. Wir haben daher darauf verzichtet.


Während seiner Genesung las er eine Sammlung von Heiligenlegenden und ein Werk über das Leben Christi und fand so zum Glauben. Er legte im Kloster seine Lebensbeichte ab, die Überlieferungen zufolge drei Tage lang dauerte. Er verließ das Kloster als Bettler und Pilger und ließ seine Waffen am Alter der Klosterkirche zurück, nachdem er sie in den Dienst der Jungfrau gestellt hatte. Zu den berühmten Besuchern Montserrats gehörte auch Christoph Kolumbus.
Als er auf seiner Reise in die neue Welt am 3. November 1493 auf eine bis dahin bei Europäern unbekannte Insel stieß, nannte er sie „Santa Maria de Montserrat“ und nahm sie für Spanien in Besitz. Montserrat wurde allerdings nie von Spaniern besiedelt – heute ist die Insel der Kleinen Antillen eine britische Kolonie. Der Mönch Bernat Boil, der Kolumbus auf seiner Reise begleitete, trug den Ruhm der Moreneta nach Lateinamerika.








Etwas oberhalb des Aussichtspunktes befindet sich die Cova del Fra Garí. In der ca. sieben Meter langen Höhle befand sich eine auf allen vieren krabbelnde Statue von Fra Garí. Der Legende nach ließ sich der Eremit vom Teufel in Versuchung führen: Unter dem Vorwand, sie müsse geheilt werden, brachte der Teufel Riquilda, die Tochter des Grafen von Barcelona, zu Fra Garí. Dieser ließ sich auf eine Liebelei mit dem Fräulein ein. Entsetzt über seine Sünde suchte er Rat beim (als Einsiedler verkleideten) Teufel, welcher ihm riet, Riquilda zu töten, um nie mehr der Versuchung zu erliegen. Als Fra Garí die Leiche Riquildas begrub, offenbarte der Teufel sein wahres Wesen.
Schockiert von seiner Tat reiste Fra Garí nach Rom, um den Papst um Vergebung zu bitten. Dieser verurteilte ihn dazu, wie ein Tier zu leben, nackt, ohne sich zu waschen, ohne zu sprechen, und nur von dem zu leben, was er auf dem Berg zu essen fand. Sieben Jahre lebte Fra Garí in seiner Höhle, bis Jäger ihn fanden und zum Grafen brachten. Dieser vergab ihm und ließ sich zum Grab seiner Tochter führen.
Dort fanden sie Riquilda lebend und wohlauf, ein Wunder, das der Jungfrau Maria zugeschrieben wurde. Die Prinzessin blieb in Montserrat und wurde die erste Äbtissin des Frauenklosters Santa Cecilia, das ein Stück unterhalb von Montserrat gegründet wurde. Die Höhle des Fra Garí ist heute zugemauert.

Manche der so entstandenen Einsiedeleien glichen winzigen Klöstern – andere waren nicht viel mehr als ein kleines Zimmer mit einem Fenster. Besonders streng gläubige Eremiten ließen sich in solchen Einsiedeleien sogar einmauern und waren darauf angewiesen, von ihren Mitmenschen durch das Fenster mit allem versorgt zu werden, was sie zum Leben brauchten. Links im Bild Santa Cova de Montserrat, das an der Stelle gebaut wurde, an der die Marienstatute gefunden worden sein soll.





Die Zahnradbahn, die Cremallera de Montserrat, wurde 1881 gebaut – damals fuhren in Spitzenzeiten bis zu acht Dampflokomotiven gleichzeitig auf den Berg. Nach einem Besuchereinbruch während des Zweiten Weltkriegs und einem schweren Unfall Anfang der Fünfzigerjahre, wurde die Strecke 1957 stillgelegt und erst 2003 wieder eröffnet. Die gelbe Seilbahn, die „Aeri de Montserrat“, fährt seit 1930 ununterbrochen auf den Berg.
Nach einem ausgiebigen Besuch in Montserrat und einer insgesamt etwa acht Kilometer langen Wanderung, machen wir uns auf den Weg nach Barcelona, wo wir den Tag mit einem Spaziergang über die Ramblas und durch das gotische Viertel ausklingen lassen. Tag elf unserer Nordspanien-Rundreise wollen wir komplett der Hauptstadt von Katalanien widmen.





