Der letzte Tag unserer Nordspanien-Rundreise führt uns von der Kleinstadt Vic weiter nach Norden, hinein in das Vulkangebiet der Garroxta. Ich liebäugle mit einer spontanen Ballonfahrt – das ist hier in der Garroxta ein beliebter Sport und wird gleich in mehreren Orten angeboten. Bestimmt ist der Blick von oben auf die Vulkankegel reizvoll, doch terminlich bringen wir es dieses Mal nicht mehr unter.

Wir parken am Ortsrand, auf dem Gelände daneben sind zwei größere Seniorengruppen mit Morgengymnastik und Tai Chi beschäftigt. Das sind auch so ziemlich die einzigen Menschen, denen wir begegnen: Die wenigen schmalen Gassen sind nahezu menschenleer, aber immerhin treffen wir an einem Garagentor auf Elvis.
Das Ortsbild ist sehr ursprünglich: Viele der alten Häuser sind aus dunklem Vulkangestein gebaut. Die Hauptstraße schlängelt sich zwischen den Häusern hindurch bis an den geräumigen Platz an der Spitze des Orts.
Von dort hat man eine schöne Aussicht ins Umland, nur ein wenig gestört von der großen Autobahnbrücke, die unweit von Castellfollit de la Roca das Tal überspannt. Direkt am Platz steht die Kirche San Salvador, deren Ursprung auf das 13. Jh. zurückgeht. Sie gilt als eines der zwei Wahrzeichen von Castellfollit de la Roca.

Im Sockel des Turmes ist ein Trinkwasserbrunnen eingearbeitet, darüber ist das Stadtwappen von Castellfollit de la Roca zu sehen. Und noch weiter darüber thront Sant Roc, der Heilige Rochus von Montpellier, dem der Turm gewidmet ist.
Der Heilige Rochus stammte aus noblem Haus und studierte Medizin. Als er während der Pestepidemie Mitte des 14. Jh. beide Eltern verlor, verschenkte er sein Vermögen und widmete sich der Behandlung von Pestkranken, die er allein durch das Zeichen des Kreuzes Christi heilte. Er selbst wurde von einem Hund gefüttert und von einem Engel geheilt, als er sich mit der Pest ansteckte.
Der Heilige Rochus ist der Schutzpatron der Kranken und Krankenhäuser, der Ärzte, Chirurgen, Bürstenbinder, Pflasterer und einiger anderer Berufsgruppen. Obwohl er offiziell keiner der vierzehn Nothelfer ist, gilt er vielerorts als solcher. Er wird bei Tollwut, Unglücksfällen, Bein- und Knieleiden, sowie Seuchen aller Art, insbesondere der Pest und der Cholera angerufen.
Rochus gehörte über Jahrhunderte zu den beliebtesten Volksheiligen. Auch in Deutschland finden sich Rochuskapellen – im Allgäu ist es bis heute üblich, dem Heiligen Rochus einen Besen als Opfergabe zu bringen, damit er einen von Hautkrankheiten heilt. Das hängt noch mit dem alten Aberglauben an die Heilkraft von Besen zusammen, wonach das Abstreichen oder Schlagen mit einem Besen „Schwundwirkung“ bei Mensch und Tier haben soll.

Die Klippe wurde von zwei überlappenden Lavaströmen gebildet: Der erste kam vor 217.000 Jahren von Vulkanen aus der Region Olot; der zweite kam 25.000 Jahre später von Vulkanen in der Nähe von San Juan les Fonts.
Die exponierte Lage ist auch der Grund, warum Castellfollit de la Roca zu den meistfotografierten Motiven der Region gehört. Besonders schön präsentiert sich der Ort bei Sonnenuntergang, wenn die Sonne die Felsklippen anstrahlt.
Bei unserem Vormittagsbesuch lag die Felswand weitgehend im Schatten, war aber dennoch beeindruckend. Noch schöner ist der Anblick aus der Luft – da das Fliegen der Drohne nicht erlaubt ist, bleibt wohl für den nächsten Besuch tatsächlich nur der Heißluftballon.

Mit rund 33.000 Besuchern im Jahr ist die Tour zu den „geheimen Wasserfällen der Pyrenäen“ so beliebt, dass der motorisierte Zugang in der Hauptsaison beschränkt wird. Das soll Unmut bei den Einheimischen und Schäden am Natur- und Kulturerbe eindämmen.
Vom 15. Juni bis 15. September sind einige Zufahrtsstraßen von neun bis neunzehn Uhr gesperrt. Auch Aktivitäten wie Klettern oder Canyoing unterliegen Einschränkungen und werden am besten im Vorfeld gebucht. Aktuelle Informationen dazu gibt es auf der Webseite des Alta Garroxta Konsortiums. Ende September ist der Parkplatz in Sadernes fast leer, und wir treffen unterwegs nur sehr wenige andere Wanderer.

Gerne überfielen sie Fabrikanten und Statthalter der Madrider Regierung und schafften es recht erfolgreich, sich als Robin Hoods zu inszenieren. In den Wäldern und Schluchten der bizarren Bergwelt war ihnen schwer beizukommen.
Das wussten auch die Antifrankisten, die sich später ebenfalls hier versteckten. Heute ist die Region ein Paradies für Naturliebhaber. Der Wanderweg führt immer am Fluss entlang; das erste Stück auf einem Fahrweg, später auf einem zunehmend holprigeren Bergpfad.





Folgt man dem Fluss weiter in die Berge, erreicht man die Wallfahrtskirche Sant Aniol d’Auuja und den Wasserfall Salt de Brull, wo klares Quellwasser in ein großes Felsbassin stürzt. Es ist nur eine von mehreren paradisieschen Badestellen – theoretisch. Praktisch gilt im gesamten Flusslauf Bade- und Schwimmverbot.
Die einladend grünen Tümpel betrachten wir daher nur von oben. Insgesamt legen wir zehn Kilometer zurück; nur ein Bruchteil der möglichen Strecke. Die Wanderung haben wir als geruhsam empfunden, mit schöner Landschaft und Natur.
Die Strecke weist wenige Steigungen auf und verläuft überwiegend schattig, was die Tour vor allem an heißen Tagen attraktiv macht. So spektakulär wie die Wanderung in der Mont-Rebei-Schlucht oder auf den Klettersteigen von Alquézar ist die Route bei weitem nicht, aber nichtsdestotrotz einen Besuch wert.

Eine sehr enge, kurvenreiche Straße führt uns hinauf auf 1124 Meter, zum Santuari de la Mare de Déu del Mont. Aus den Pyrenäen weht ein eisig kalter Wind, die Luft ist klar, es riecht nach Regen, der Himmel präsentiert sich dramatisch.
Wir stehen bibbernd am Aussichtspunkt (nicht umsonst heißt er auch „zu den vier Winden“), kommen aus dem „ah“ und „oh“ und „guck mal“ gar nicht mehr heraus, und machen ungefähr zehn Millionen sehr ähnliche Fotos.

Bis etwa 1700 galt der Pic del Canigó (im Hintergrund) mit seinen 2785 m als der höchste Berg der Pyrenäen. Er ist ein Symbolberg für Katalonien (obwohl er auf französischem Gebiet liegt) und wird auch als „Heiliger Berg“ oder „Olymp der Katalanen“ bezeichnet.
Meist weht auf seinem Gipfel die katalanische Flagge. Verdaguer vollendete sein episches Gedicht (es umfasst mehr als 4000 Verse in zwölf Gesängen) über den Berg 1886. Es gilt als eines der Schlüsselgedichte der katalanischen Renaissance.

Der Legende nach wachte ein Hirte hoch in den Bergen über seine Kuhherde. Eines der Tiere steckte immer wieder seinen Kopf in ein Loch in einer Klippe. Neugierig geworden tat der Hirte es der Kuh gleich und fand die Schnitzerei aus dem 14. Jh.
Er brachte die Jungfrau Maria zum Kloster des Hl. Laurentius, wo man den Bau einer eigenen Kapelle beschloss. Als die Mönche mit dem Bau begannen, waren am nächsten Morgen sämtliche Werkzeuge verschwunden. Sie tauchten auf dem Gipfel des Berges wieder auf.
Nachdem sich das wiederholte, verstanden die Mönche, dass die Jungfrau ihre Wallfahrtskirche oben auf dem Gipfel haben wollte, wo sie von 1311 bis 1318 gebaut wurde. Bis zum Bau der Straße im Jahr 1971 (die Asphaltierung wurde erst 1996 abgeschlossen) war das Santuari de la Mare de Déu del Mont nur zu Fuß (oder mit dem Muli) erreichbar.
Im Santuari sind auch ein Gästehaus mit einigen wenigen Zimmern (mit fantastischem Ausblick) und ein Restaurant untergebracht.



Die Ruine ist überraschend groß, mit Resten der dreischiffigen Kirche, des Kreuzgangs und einer Reihe anderer Gebäude. In der Nähe des Klosters liegt die Quelle Esparrreguera. Verdaguer erzählt die Legende, dass an einem heißen Tag einst zwei Männer vorbei kamen, die flüchtende Sarazenen verfolgten. Sie waren hungrig, durstig und müde.
„Wenn Gott uns nur etwas Wasser geben würde“, rief einer von ihnen, und sofort sprudelte Wasser aus der Stelle, an der sich heute der Brunnen befindet. Dieser ist allerdings ausgetrocknet – vielleicht müssen durstige Wanderer nur mit ausreichend viel Inbrunst und Glaubensstärke bitten, um ihn wieder zum Fließen zu bekommen.







Der mittelalterliche Baustil ist fast konstant erhalten. Eklatante Bausünden entdecken wir in der Altstadt keine einzige. Nicht ohne Grund steht die (gut restaurierte) Altstadt von Besalú unter Denkmalschutz. 1966 wurde Besalú zu einem Ort historischer und künstlerischer Bedeutung erklärt.
Aufgrund seiner homogenen Altstadt diente Besalú bereits mehrfach als Drehort: In der Literaturverfilmung „Das Parfum“ wandert der Mörder Jean-Baptiste Grenouille über die alte Brücke; in der zweiten Staffel von „West World“ fahren in einer apokalyptischen Schlachtszene Panzer auf dem Platz vor der Kirche Sant Pere auf.
In Besalú gibt es eine Reihe von Kirchen: Die romanische Kirche Sant Vicenç im Norden der Altstadt, die Kirche Sant Martí de Capellada etwas außerhalb der Stadt, und die Església-Hospital de Sant Julià im Süden der Altstadt.

Neben der christlichen Gemeinde beherbergte Besalú zwischen dem 9. und 15. Jh. eine der größten jüdischen Gemeinden Kataloniens. Davon zeugen die Überreste einer Synagoge und eine restaurierte Mikwe – ein rituelles jüdisches Bad aus dem 11. oder 12. Jh., das durch Zufall entdeckt wurde und das einzige derartige Zeitzeugnis in Spanien ist.




Unsere Nordspanien-Rundreise ist in ebenso nachhaltiger wie guter Erinnerung geblieben – sie war abwechslungsreich, mit spektakulären Landschaften, schönen Städten, überraschenden Highlights, gutem Essen und einer angenehmen Mischung aus Ruhe und Trubel, Entspannung und Bewegung. Wir sind zuversichtlich, dass es zwar unser erster, aber nicht unser letzter Besuch im Pyrenäenvorland war.





